Veröffentlicht in Bewegte Frauen, Kirche

Was Martin Luther uns für das Zeitalter des digitalen Wandels lehrt. #Reformation

Dieser Tage jährt sich der 500. Jahrestag, an dem Luther seine Thesen in Wittenberg angeschlagen haben soll. Die Medien, das Fernsehen, die Buchläden sind voll von Neuigkeiten über diesen ehemaligen Mönch, der über Jahre grübelnd in seinem Turmzimmer verbracht hat, weil ihm nichts wichtiger war als seiner römisch-katholischen Kirche zu dienen.

Muss es da also tatsächlich auch noch einen Blogbeitrag geben in einem Blog, der thematisch scheinbar doch so gar nichts mit der Zeit zu tun hat, in der Luther gelebt hat?

Nein, muss es nicht.

Bis vor einen paar Tagen wäre mir das auch nicht in den Sinn gekommen. Denn unsere heutige Zeit ist ja überhaupt nicht mit dem Mittelalter zu vergleichen.

Oder vielleicht doch?

Europa und die Welt.

Martin Luther lebte in einer Zeit, die sich in einem Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit befand. Einem Epochenwechsel, an dem er maßgeblich beteiligt war, ohne es jemals gewollt zu haben oder es in seiner Tragweite Zeit seines Lebens zu erfassen.

Dabei war Martin Luther ein Gelehrter. Ein Professor an der neuen Universität zu Wittenberg. Das Zusammenwirken verschiedener Ereignisse und zeitgenössischer Strömungen hat seine Mission gefördert und die Reformation beschleunigt. Eine Veränderung, die bis heute unser Menschenbild, Gottesbild, unsere Bildungssysteme und das christliche Europa prägen. Das Bild des liebenden Gottes, dessen Sehnsucht Nächstenliebe ist. Unsere europäischen Werte wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit resultieren aus diesem für damalige Verhältnisse grundlegenden anderen Verständnis von Kirche. Einer Kirche, die sich wieder auf ihre Ursprünge konzentriert. Auf Jesus Christus.

Auch Martin Luther lebte bereits in europäischen Strukturen: im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation (allerdings ohne einheitliche Währung). Nationalstaatlichkeit war den Deutschen zu jenem Zeitpunkt eher noch fremd. Und ähnlich wie heute gab es viele Krisenthemen in diesem großen Reich zu beackern, Probleme, die häufig mit Kriegen gelöst wurden.

Der Kontinent Europa stand zu jenem Zeitpunkt vor einem epochalen Wandel, der aber noch nicht abzusehen war.

 

Schreiben, Bildung und einfache Sprache.

Gleichzeitig mit Martin Luther lebten drei andere Männer, die mit ihren Forschungen und Erfindungen einen entscheidenden Einfluss auf den Wandel gehabt haben: Johannes Gutenberg, der Erfinder des Buchdrucks, Christoph Kolumbus, der Entdecker Amerikas und Nikolaus Kopernikus, Lehrer des heliozentrischen Weltbildes.

Martin Luther soll sich für die Entdeckung Amerikas und die Erfindung des Buchdrucks wenig interessiert haben und doch haben diese Entwicklungen seine Reformation verbreitet und ihm sogar wohl den Hals gerettet, denn als Ketzer sollte er eigentlich getötet werden. Aber zu dem Zeitpunkt war die neue Idee schon so verbreitet, dass sie nicht mehr aufzuhalten war.

Er konzentrierte sich auf sein Lebensthema, die Verbreitung des Wortes und seiner Überzeugungen. Er schrieb seine Überzeugungen konsequent auf. Hätte es damals schon das Internet gegeben, wäre er sicher einer der ersten Blogger geworden.

Er traf dabei auf ein Volk, das hungrig war nach Veränderung. Dass diese alte mittelalterliche Welt nicht länger ertragen wollte, in dem der überwiegende Teil der Menschheit in unsäglichen Verhältnissen lebte.

Er erreichte das Volk deswegen, weil es ihm gelang, eine Sprache zu sprechen, die das Volk verstand. Zum einen, weil er die Texte der Bibel in die deutsche Sprache übersetzte und, weil er eine einfache Sprache benutzte.

Auf diese Weise revolutionierte Martin Luther die Welt. Er wählte zielgruppengerechte Methoden, um Bildung zu vermitteln. Und brachte die Menschheit zu einem neuen Bild von Wirklichkeit. Die neuen Bilder bildeten den Geist und formten damit die Menschheit neu. Was wiederum Auswirkungen auf gesellschaftliche Veränderungen und Strukturen hatte.

Der erste Bestsellerautor Martin Luther bewegte durch sein Wort und die Sprache die Welt in einer durch Buchdruck beschleunigten Schnelligkeit, die an den vielen vorhandenen alten Strukturen, so auch der römisch-katholischen Kirche, vorbeieilten, ohne von dieser wahrgenommen zu werden oder deren Auswirkungen im Entferntesten zu erahnen.

Wenn Du die Welt verändern willst, nimm einen Stift und schreib.

Martin Luther

Glauben, Gott und die Rolle der Kirche.

Martin Luther war der festen Überzeugung, dass es auf Gott allein ankommt.

Aufgrund der mittelalterlichen Erfahrungen seiner Zeit mit Ablasshandel und der Verweltlichung der Kirche, die sich nur um Macht, Geld und Gier zu drehen schien, war ihm diese Erkenntnis heilsrettend für seinen Glauben. Seine Erkenntnis, dass allein das Wort (Evangelium) entscheidend war und es keine Autoritäten brauchte, die es dem Glaubenden auslegten, wenn er es selbst zu lesen verstand, führte letztlich zu den Auswirkungen der Reformation, die in blutigen Glaubenskriegen ausgefochten wurden.

Es hat aber auch viele Mystiker/innen inspiriert und so auch im katholischen „Lager“ seinen Weg gefunden.

In einer Zeit wie heute, in der wieder die Rolle der Kirche(n) gesellschaftlich stark in Frage gestellt wird, ist ein Umdenken angesagt. In der Nähe des Geburtsortes von Martin Luther sprach der zuständige Bischof des Bistums Magdeburg kürzlich davon, dass heutzutage nur noch wenige Menschen Gott in den Köpfen hätten, geschweige denn im Herzen, was Luther ein Anliegen gewesen ist. Gott sei einfach in Vergessenheit geraten.

Das sind die Fragen der heutigen Zeit. Und das, obwohl das neue Gottes- und Menschenbild, das von Luther im Sinne der Urkirche wieder ans Tageslicht geholt wurde, massgeblich die Werte Europas mitbestimmt und bewirkt hat.

Heutzutage steht Kirche also wieder vor gravierenden Veränderungen. Heute wie damals ist es wieder wichtig, den Menschen zuzuhören, sich auseinanderzusetzen, mit den Zeichen der Zeit zu gehen. Das Bistum Essen arbeitet hierfür an einem neuen Zukunftsbild. Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer publizierte hierzu gerade einen Beitrag in der Herder Korrespondenz.

Die Rolle der Frau.

Katharina von Bora, besser bekannt als die Lutherin, war die Ehefrau von Martin Luther. Ein ehemaliger Mönch und eine entflohene Nonne heiraten. Das war natürlich damals mehr als eine Schlagzeile wert und der Skandal schlechthin.

Martin Luther ging sehr offensiv mit diesem Thema um. Er ließ ein Gemälde von sich und seiner Frau anfertigen, das sie als Ehepaar zeigte. Martin Luther und seine Frau Katharina pflegten ein für damalige Verhältnisse ausgesprochen partnerschaftliches Miteinander. Sie saß mit am Tisch, wenn diskutiert wurde. Er hörte auf ihre Meinung und musste sich nachsagen lassen, dass sie ihn zu stark beeinflusste. Sie leitete das häusliche Wirtschaftsunternehmen, das ihnen die Existenzgrundlage sicherte. Übersetzte ebenfalls Bibeltexte und in seinen Briefen nannte er sie in der Anrede liebevoll Herr Käthe, Doktorin, Lutherin, Predigerin zu Wittenberg.

Luther: „Einem freundlichen, lieben Herrn, Frau Katherinen Lutherin von Bora, Doktorin, Predigerin, Brauerin, Gärtnerin, und was sie mehr sein kann. Gnade und Friede, liebe Käthe. Wie reich hat mich Gott beschenkt. Nicht mit irdischen Gütern, nicht mit Geld und Land und Hausrat. Denn wenn ich in der Welt nichts hätte, besäße ich doch den größten Reichtum. Meine Frau und meine Kinder … denn ich liebe Euch mehr als mich selbst. Du, Katharina, wurdest mir von Gott gesandt, zum Vorbild und zum Wegweiser. Dein Glaube wurzelt tief im Leben. Deine tätige Liebe trägt reiche Früchte. Was du für mich getan hast, und für die Kinder, darin steckt mehr Glaube als in jedem Gebet. Andere beten um Gottes Hilfe. Du aber bist Gottes Hilfe. In Liebe, dein Martinus Luther.“

Katharina von Bora (Film)

Und dennoch verlor sie nach seinem Tod alle Rechte. Auf das Erbe, auf ihre selbständige Existenz und ihren Status.

In der heutigen Zeit haben wir spätestens (oder erst!) seit den 1970er Jahren gesetzliche Regelungen in Deutschland und in der westlichen Welt, die eine Gleichstellung von Mann und Frau sichern. Die Frau muss ihren Mann etwa nicht mehr fragen, wenn sie einen Beruf ergreifen will u.ä.

Und dennoch bleibt die Frage der Rolle der Frau ein kontinuierliches gesellschaftliches Thema. Manche würden es am liebsten ganz vom Tisch fegen, da sie um ihre eigenen Entwicklungsoptionen fürchten, wenn zu viele Frauen in die gesellschaftlich spannenden öffentlichen Aufgaben drängen.

Auch in der öffentlichen Wahrnehmung sind es häufig weiterhin Männer, die Themen voran bringen. Das liegt teilweise an der medialen Darstellung oder einfach daran, dass andere Rollen zugedacht werden: Assistentinnen, Moderatorinnen, Back office.

Bei diesem Post handelt es sich natürlich um eine rhetorische Frage, denn gerade Frauen sind in der Online-Kommunikation kompetent vertreten. Wenn es aber offiziell wird, tritt das namentlich noch zu selten in Erscheinung.

Das partnerschaftliche Zusammenwirken von Martin Luther und Katharina von Bora, der Lutherin, war für die damalige Zeit mehr als ungewöhnlich. Es ist also zu hoffen, dass man 500 Jahre später in deutschen Landen hier ein entsprechendes partnerschaftliches Bewusstsein entwickelt, das nicht nur, aber auch medial, deutlich wird.

Die Reform(ation).

Der digitale Wandel, das spüren allmählich viele, wird unsere Welt auf den Kopf stellen. Das Lernen und damit die Bildung verändern, vielleicht auch das Menschenbild, wenn wir an den Einsatz von Robotern (Alexa, Siri & Co.) denken, die schon jetzt ganz selbstverständlich zu unserem Alltag dazu gehören.

Die Reformation setzte sich durch, weil bestimmte Bedingungen zusammen kamen: Martin Luther lehrte an einer neugegründeten, jungen Universität, es gab keine verkrusteten Strukturen, alles war noch offen, formbar. Keine Platzhirsche, die das Feld bereits beherrschten.

Der gerade erfundene Buchdruck beschleunigte die Verbreitung des Wissens und diente der Volksbildung und freien Meinungsäußerung.

Die Epoche der Reformation lehrt uns, dass Innovationen bestimmte Rahmenbedingungen brauchen, Förderer, kreative Räume, vielleicht auch eine Unbeobachtetheit in der Pionierphase.

Gleichzeitig zeigt die blutige Seite der Reformation aber auch, welche Auswirkungen Veränderungen haben können, wenn sie nicht ordentlich gemanaget oder begleitet werden.

Was uns die Epoche Martin Luthers lehrt:

  • Wie unmerklich klein die großen Dinge begonnen haben.
  • Die Welt, die im Wandel ist, ahnt häufig selbst nicht, dass eine neue Zeit anbricht.
  • Reformer sind selten die Selbsternannten, sondern die, die sich mit aller Kraft für Themen eingesetzt, sich darauf konzentriert und damit letztlich etwas bewegt haben.
  • Es braucht Zweifler, die plötzlich die Regeln in Frage stellen und etwas Neues ausprobieren.
  • Er war ein mittelalterlicher Blogger, denn sein Leitsatz war: „Durch Schreiben kann man etwas bewegen.“
  • Wenn man die Menschen erreichen will, muss man ihre Sprache sprechen.
  • Der Buchdruck war damals, was heute die Online-Kommunikation ist. Ein Beschleuniger des Wortes und ein wesentlicher Zugang zu freier und einfacher Bildung.
  • Bildung besteht aus Bildern. Neue Bilder formen den Geist um. Der umgebildete Geist bildet neue gesellschaftliche Strukturen.
  • Aus einem ängstlichen eher schüchternen Menschen kann ein Starker werden, wenn die Berufung stimmt.
  • Rückzüge, Natur und Stillezeiten (Offline-Zeiten) fördern Fortschritt, Kreativität und Qualität.
  • Verkrustete Strukturen verhindern eher, während neue, offene, noch formbare Lernstätten innovatives Denken und Arbeiten fördern.

 

Inspiriert zu diesem Beitrag wurde ich durch die Lektüre des Buches „Martin Luther und Katharina von Bora“ von Petra Gerster und Christian Nürnberger.

 

 

Autor:

Digitaler Wandel in der sozialen Arbeit: Zeitzuteilen.blog & Reisekladde: aus meinen Reisetagebüchern.

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