Veröffentlicht in Soziale Arbeit 4.0

Lobbyarbeit 4.0

Interessenverbände stehen wie alle anderen Organisationen vor großen Herausforderungen, wenn sie sich dem digitalen Wandel stellen wollen.

Alle Arbeitsbereiche sind davon betroffen. Die Praxis erreicht ihre Klienten mittlerweile besser über das Internet als über klassisches Streetwork und bietet Chatberatung für Schwangere, mobile Straßenzeitungen oder Fachkräfteportale für Pflegeberufe an.

Aber auch und besonders die Spitzenverbände sind gefordert, nicht nur Vorreiter/innen zu sein, sondern auch ihre Kernarbeit zu verändern.

Zu den Kernaufgaben von Spitzenverbänden gehören: Information und Beratung ihrer Mitglieder, Fördermittelakquise und Fundraising, Fort- und Weiterbildung, Öffentlichkeitsarbeit und in erster Linie sozialpolitische Interessenvertretung.

Paradigmenwechsel.

Und genau hier, in der sozialpolitischen Interessenvertretung, zeichnet sich gerade ein Paradigmenwechsel ab.

Sozialpolitische Interessenvertretung geschieht in Verbänden seit ihrer Entstehung in Gremien. Analog den Strukturen, die wir auch aus der Politik kennen, stimmen sich Menschen in Landes- und Bundesarbeitsgemeinschaften ab und bearbeiten in aufwändigen Prozessen wichtige Positionen.

Die Schnelllebigkeit der Zeit bewirkt gleichzeitig, das macht uns die Politik vor, dass politische Entscheidungsprozesse mittlerweile auch auf anderen Kanälen zustande kommen.

Die amerikanischen Wahlkämpfe belegen das mit guten und schlechten Beispielen wie Wahlkämpfe überhaupt. Aber nicht nur das. Auch Koalitionsverhandlungen und Gesetzgebungsverfahren finden mittlerweile im Internet statt.

Beispiel Kinder- und Jugendhilfereform.

Im Jahr 2016 stand eine große Reform des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (Sozialgesetzbuch VIII) auf der politischen Agenda, die sogenannte „große Lösung“, die darauf abzielte, dass Kinder und Jugendliche mit körperlicher und geistiger Behinderung in das Sozialgesetzbuch VIII aufgenommen werden. Endlich eine Gleichbehandlung aller Kinder und Jugendlicher! Dafür waren wir auch als Verbände der Freien Wohlfahrtspflege. Aber nicht zu den Rahmenbedingungen, die damals politisch gewollt waren.

Das Gesetzgebungsverfahren rollte interessanterweise auch gar nicht im klassischen Sinne an, heißt, es gab keinen „Referentenentwurf“, der dann wie immer, den Interessenverbänden hätte vorgelegt werden müssen. Es gab ein Diskussionspapier. Hört sich unverfänglich an. Manche Vertreter/innen von Wohlfahrtsverbänden verweisen daher darauf, dass sie warten würden, bis der Referentenentwurf da wäre.

Zu befürchten war, dass das Gesetz in einem Eilverfahren durchgesetzt würde, damit es noch in der aktuellen Legislaturperiode als Ergebnis gewertet würde. Solche Schnellschüsse vergleichbar der Arbeitsmarktreform im Jahr 2002, die unmittelbar vor Weihnachten am 23.12. durch den Bundestag eilte und im Nachgang erhebliche Mängel zeigte, sollten vermieden werden.

Daher hatte sich im Netz eine Gruppe gefunden, die sich zügig zu den SGB VIII Reformen ausgetauscht hatte – ich hatte u.a. über die Knackpunkte des Vorhabens gebloggt – und wir haben mit darauf hin gewirkt, dass noch vor dem möglichen Referentenentwurf eine Einladung an die Interessenverbände ins Ministerium erfolgte und das Gesetz in der Tragweite, die befürchtet wurde, verhinderte.

Ein aktuelles Beispiel ist das Bundesteilhabegesetz:

Lobbyarbeit 4.0.

Wie sieht sie denn dann nun aus, die Lobbyarbeit 4.0? Sind die alten Gremien vollständig out? Nein, sind sie nicht. Sie sind neben einer Reihe anderer Maßnahmen wertvolle Instrumente.

Aber die Meinungsbildung hat sich verändert. Auch in der klassischen Verbandsarbeit finden und fanden, genau wie in jeder Politik, Seitengespräche statt, die Meinungsbildungen befördern. Diese Meinungsbildungsprozesse finden mittlerweile auch im Internet statt und es ist hier sehr viel schneller möglich, sich mit Entscheidungsträgern zu vernetzen. Ganz unkompliziert diskutieren hier Expert/innen aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft miteinander und fördern damit auch Prozesse.

Arbeiten 4.0.

Mobiles Arbeiten verlangt andere Abstimmungsformen. Eine neue Zeitsouveränität ist gefragt. Für Führungskräfte ist in Bezug auf Ihre Mitarbeitende die Stärkung von Netzwerk- und Dialogkompetenz und Ermutigung statt Kontrolle angesagt.

Quelle: Telekom

Twitter.

Nicht nur der amerikanische Wahlkampf auch die deutschen Politiker/innen wissen mittlerweile um die Bedeutung von Twitter, wenn es um Kommunikation, Austausch von Papieren aus Koalitionsverhandlungen und Meinungsbildung geht. Aber nicht nur die Politik – unterm Strich tummeln sich die deutschen Intellektuellen aus Politik, Gesellschaft und Wissenschaft in diesem Netzwerk, weil es in Bezug auf Themen, Wissensmanagement und Kommunikation deutlich bessere Voraussetzungen als andere Netzwerke bietet und damit auch gerne für die Pressearbeit und den Fernsehjounrnalismus genutzt wird. Häufig heißt es ja in den Nachrichten mittlerweile: XY hat getwittert.., Facebookposts werden dagegen eher in Promimagazinen gezeigt.

Da ich selbst eine Weile gebraucht habe, das Netzwerk zu ergründen, habe ich meine Erfahrungen in einer Anleitung für Twitter aufgeschrieben.

Wissensmanagement.

Während wir gefühlt gerade unser Ablagesystem in Papierform in unsere EDV-Ablage umorganisieren, ohne dabei wesentliche innovative Strukturen zu entwickeln, erfordert Lobbyarbeit 4.0 ganz neue Wege des Wissensmangagement.

Ich organisiere meine Dateien mittlerweile hauptsächlich über E-Mails und Clouds. Das geht nicht in allen Arbeitsbereichen. Aber je mobiler wir werden, umso notwendiger ist es.

So sehr ich die Tageszeitung aus Papier immer noch liebe, benutze ich sie nicht mehr, weil ihre Information weit hinter den Aktualitäten her hinkt. Ich organisiere Onlineartikel über einen RSS Reader, aus denen heraus ich auch sofort twittern kann. Und Twitter selbst ist eine wesentliche Informationsquelle. Besonders die Hashtags bieten gute Sortierungsmöglichkeiten und neue Quellen und Expert/innen, denen ich folge.

Vernetzung & Kommunikation.

Was eigentlich genau bedeutet Vernetzung? Vernetzung ist so alt wie die Verbandsarbeit selbst und noch viel älter. Freundschaften, Seilschaften und Interessengruppen gab es schon immer. Von daher gilt das auch für digitale Netzwerke.

Ungewohnt für unsere deutsche Mentalität ist der öffentliche Diskurs. Hier ist gute Kommunikation und ein Stück Medienkompetenz erforderlich. Als Kompetenzprofil der Verbandsarbeit zukünftig nicht mehr weg zu denken.

Die digitale und analoge Vernetzung greift ineinander. Das digital soziale Netzwerk ist mittlerweile eine Art Adrema. Begegnungen und Kontakte mit denen ich auch über Netzwerke beständig in Verbindung sein kann, sind mental eher präsent als andere.

Agile Organisation.

Befasst man sich mit den Megatrends einer zukünftigen Organisationskultur, so gibt es Szenarien, die von der Peer-to-Peer Arbeit statt Hierarchiearbeit bis hin zu Auflösungen von Organisationsstrukturen denken. Klar ist, dass sich die Organisationsstruktur der neuen Arbeitskultur anpassen muss. Für eine gelingende Lobbyarbeit 4.0 bedeutet das eine Qualifizierung der Informations- und Kommunikationsarbeit quer durch die Organisation.

Unterm Strich.

Menschen, die sich überwiegend ausserhalb der digitalen sozialen Netzwerke bewegen, verpassen die Chance einer modernen digital sozialen Lobbyarbeit, die nicht nur den Vorteil hat, wirkungsvoll Meinungsbildungsprozesse mitgestalten zu können, sondern auch den damit einhergehenden Modernisierungsbedarf für ihre Organisationen zu erkennen.

Lobbyarbeit 4.0 bedeutet einen Kulturbruch mit der bisherigen klassischen Verbändearbeit und einen Paradigmenwechsel für die Zukunft der Arbeit von Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege.

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Autor:

Digitaler Wandel in der sozialen Arbeit: Zeitzuteilen.blog & Reisekladde: aus meinen Reisetagebüchern.

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