Veröffentlicht in Gleichstellung

Frauen stören, wenn sie nicht lieb sind. #Weltfrauentag

„Kommt der Vorschlag, dass wir eine männliche und weibliche Doppelspitze brauchen, dann machen wir das vielleicht … bei meinem Nachfolger“ war von Christian Lindner auf einem FDP Parteitag zu hören. Ein Ausspruch, der tatsächlich Saalgelächter bringt.

Warum nur?

Gerade bei einer Partei, die einen echten Frauenmangel hat, nicht nachvollziehbar. Und auch sonst nicht.

Das Beispiel zeigt aber wie strukturell tief verankert diese Haltung ist. Auch die katholische Kirche ist davon betroffen. Die Frage der Weihe für Frauen ist längst nicht mehr nur eine theologische Frage.

Es ist eine Machtfrage.

Die Männerbünde sind schlicht vertrauter, einfacher herzustellen und förderlicher, die individuellen Karrieren voranzutreiben.

Frauen passen hier nicht rein.

Auch Papst Franziskus hat gerade in Querida Amazonia nochmal die Rolle der Frau in ihrer dienenden Funktion zementiert:

„Die Frauen leisten ihren Beitrag zur Kirche auf ihre eigene Weise und indem sie die Kraft und Zärtlichkeit der Mutter Maria weitergeben. Dafür verdienen sie Wertschätzung.“ 

War Josef nicht ähnlich zärtlich? Und hat er nicht einen sehr kraftvollen Beitrag geleistet, in dem er sein Leben ganz der Berufung Marias unterordnete?

Aus Imagegründen hebt man Frauen ab und an in Führungspositionen, um mit der Zeit festzustellen, dass sie zu sperrig sind, zu offen, zu transparent, zu kritisch. Dann verschwinden sie nach und nach wieder.

Bei der Besetzung von zentralen Entscheidungsgremien fallen einem dann gerade auch keine Frauen ein oder es herrscht die Auffassung, eine Frau sei einfach nicht kompetent genug.

Man(n) hat es ja versucht, aber leider…

Frau spricht einfach nicht die richtige Sprache. Ist zu sachlich, macht das Spiel mit den Seilschaften nicht mit. Die guten (weiblichen) Ideen werden aber gerne zu eigen gemacht.

Meine geschätzte Kollegin im Bistum Essen, Andrea Qualbrink, hat sich in ihrer Promotion gefragt, warum Frauen in Leitungspositionen die katholische Kirche stören. Sie empfiehlt, die vermeintliche Störung als produktive Irritation zu werten, die Entwicklung fördert.

Warum sollte eine Frau nicht besser sein bzw. gleichermaßen die Aufgabe tun können?

Ein Phänomen, das nicht einfach vom Tisch zu fegen ist, ist Angst.

Haben Männer Angst?

Diese Angst wäre gar nicht so unbegründet. Denn tatsächlich nehmen ihnen Frauen, wenn sie so richtig ernst machen, bis mindestens 50 % der Chancen auf einen tollen, interessanten Job.

Bei einer unserer Konferenzen, ein Kreis von ca. 27 Führungskräften, darunter 3 Frauen, formulierte das ein männlicher Vertreter auch. Bestimmte Funktionärspöstchen könnten ja zukünftig nicht mehr zur Verfügung stehen. Was passiert? Männer verbünden sich in der Frage wie sie die Frauenquote umgehen können.

Als die 3 Frauen dann spiegelten, dass dies ja bisher umgekehrt gewesen sei, gab es dafür wenig Verständnis.

Was hat das mit ihnen zu tun?

Viel.

Die Beschäftigungsquote von Frauen mit Kindern gegenüber Männern mit Kindern ist in Deutschland deutlich geringer als in unseren Nachbarländern.

Die Chancengleichheit von Männern und Frauen hat viel mit der Haltung von Männern zu tun.

Ein Mann als Arbeitgeber zum Beispiel: Fragt er einen Bewerber mit vier Kindern, ob dieser die Betreuung seiner Familie sicher stellen könne?

Oder ein Ehemann: Macht er wirklich ernst mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und zwar zugunsten seiner Familie? Oder wird sein Sohn wieder mit Modellen aufwachsen, dass der Vater abwesend bei der Arbeit ist und seine Mutter sicherstellt, dass das „Höhlenfeuer“ nicht ausgeht?

Die selbstverständlichen Benachteiligungen, die Ignoranz, die Arroganz, das Nicht-Ernstnehmen, weil das Gegenüber eine Frau ist.

schreibt Christiane Florin im Buch „Der Weiberaufstand.“

Der ZDF Korrespondent Stefan Liefert twittert nachfolgendes Zitat:

Herausragend ist, dass er eine solche Wahrnehmung twittert! Als Mann!

Durch meine langjährige Europaarbeit weiss ich wie ernst Europa das Anliegen der Chancengleichheit ist. Dort sind Frauen ganz selbstverständlich genauso viele Kommissarinnen oder andere Amtsinhaberinnen wie Männer, weil es selbstverständlich ist.

Ohne Geschlechtergleichheit gibt es schlicht kein Geld!

Bringt Frauen zur Geltung!

Es war Prof. Dr Thomas Sternberg, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, der in seiner Abschlussrede beim Katholikentag bemerkt hat, was Anja Pfeffermann dann als tweet absetzte:

Wer sich Fotos, Settings und Podien anschaut, wird sehr häufig feststellen, dass keine einzige Frau dabei ist. Das Bild von Seehofers frauenloser Führungsmannschaft hat wohl immer noch nicht ausreichend sensibilisiert, dass verantwortlichen Organisatoren gar nicht auffällt, wenn Frauen nicht ins Licht gerückt werden, zu Wort kommen oder gar auf einem Foto als die Agierende, die Handelnde und nicht nur die lieblich Lächelnde bebildert werden.

Wenige weitere Beispiele sind:

Sozialpolitischer Vorstand des Deutschen Caritasverbandes, Eva-Maria Welskop-Deffaa.

Das sind die wenigen Fotos, die ich im Fundus des Katholikentages sammelte, die Frauen in führenden und ernstzunehmenden Rollen präsentieren. Möglicherweise gibt es noch ein paar mehr. Aber nicht viele. Das ist ein durchaus übliches deutsches Ergebnis.

Immerhin kam die re:publica, Deutschlands große Gesellschafts- und Internetkonferenz, nach 12 Jahren auf eine Überzahl an  Speakerinnen genüber Speakern.

Beachtet bei Fotos und Podien schlicht die Frauenquote!

Eine Bebilderung ohne aktive Frauen sollte eigentlich als politisch unkorrekt gelten!

Es scheint, dass auch viele Öffentlichkeitsarbeiter und -arbeiterinnen noch nicht ausreichend dafür sensibilisiert sind.

Manchmal liegt es aber auch schlicht daran, dass viel zu wenig Frauen in den entsprechenden Settings zu finden sind.

Das ist eine Verantwortung, der sich Veranstalter stellen müssen! Und nein. Ausreden gelten nicht!

Männer – Seid Vorbilder!

In all euren Rollen habt ihre die große Chance dafür zu sorgen, dass Frauen zur Geltung kommen. Etwa als Väter: ein Sohn, der seinen Vater nur als familienabwesendend erlebt, wird nicht lernen, das mit der Familie zu sein, für den Vater etwas Beglückendes ist.

Nutzt die Sprache!

Selbst, wenn in einem Laden 97 % Erzieherinnen arbeiten, wird häufig noch von Erziehern gesprochen.

Ich fühle mich nicht mehr angesprochen, wenn die weibliche Form nicht verwendet wird! Und so geht es vielen mittlerweile.

Und ich bin mir nicht sicher, welche Auswirkungen es gehabt hätte, wenn es allen Helferinnen beim Katholikentag so gegangen wäre, aber dank Kurt C. Hose wurde dem abgeholfen.

 

Autor:

Caritasdirektorin im Bistum Essen.

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