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Meine Top Influencer 2019.

Erst ist es eine Aneinanderreihung von Buchstaben,

dann bildet Dein Hirn Sätze daraus,

wenig später stimulieren die Sätze Deine Phantasie,

Bilder entstehen in Deinem Kopf, die Gefühle erzeugen.

Die Gefühle berühren Dein Herz.

Du denkst darüber nach

und lange nachdem Du das Buch schon weggelegt hast,

wirkt es noch in Geist und Seele nach.

Das Gelesene macht etwas mit Dir, es bildet Dich.

Und dann muss es wohl ein gutes Buch gewesen sein.

6 solcher Bücher habe ich in diesem Jahr gelesen. Sie waren meine Top Influencer, um es  neudeutsch auszudrücken.

Die Bücher.

Anni und Alois
– Arm sind wir nicht. Ein Bauernleben.
(Julia Seidl, Stefan Rosenboom)

Anni und Alois sind Bauern. Sie leben seit über 50 Jahren auf einem kleinen Hof im Bayrischen Wald. Sie haben fast nie etwas verändert in ihrem Heim. Sie haben kein Bad, keine Toilette, keine Heizung und keine gepflasterten Wege. Sie haben kein Auto, fahren nicht in Urlaub und leben von monatlich 550 Euro Rente. Nach Abzug der Ausgaben für Telefon, Strom, Versicherungen und Fernsehen verbleiben ihnen 50 Euro für Kleidung und Essen.
Ihr Leben richtet sich ganz nach dem Jahreskreis und so ist auch das Buch aufgebaut. Der Lesende begleitet die beiden auf 204 Seiten durch das Jahr. 

Anni und Alois sind zufrieden, wenngleich der Arbeitsalltag mit zunehmendem Alter eine echte Herausforderung für die Beiden ist.

Noch bevor Greta am Rand meines Horizonts erschien, hat dieses Buch zu Beginn dieses Jahres erste Spuren unterlegt, sensibler zu werden im Umgang mit Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen und mehr auf die Einfachheit der Dinge zu schauen.

Wir brauchen die Kälte, sonst erfriert das ganze Ungeziefer nicht und geht kaputt, dann haben wir im Sommer den Schlamassel.

 

 

Mensch und Maschine
– Wie künstliche Intelligenz und Roboter unser Leben verändern. 
(Thomas Ramge)

Seit Aldous Huxleys „Schöner neuen Welt“ oder noch länger fürchtet die Menschheit die Übermacht der Künstlichen Intelligenz.

Dabei haben wir sie selbst geschaffen, so wie wir auch Flugzeuge geschaffen haben, die im Krieg zu verhängnisvollen Auswirkungen beitrugen. 

Die Lektüre verhilft zu einer sachlichen Auseinandersetzung zwischen den übermütigen und den eher ängstlichen Positionen und führt in eine gründliche Befassung mit der Geschichte der KI, die es schon viel länger gibt als mancher glaubt.
Besonders erhellend war mir der Kulturvergleich:

In Europa sind Roboter Feinde, in Amerika Diener, in China Kollegen.

Unterm Strich die elementare Erkenntnis, der Mensch entscheidet, wo er die Assistenz der KI haben möchte und was der Computer ihm niemals abnehmen wird, ist Mensch zu sein.
Was das aber ist, diese Interpretation bleibt uns überlassen und die große Herausforderung es zu leben. Jedenfalls lehrt uns Weihnachten gerade wieder: Der Mensch ist ein göttliches Wesen und der Computer eben nur ein von Menschenhand Geschaffenes. Aber eben manchmal ganz brauchbar.

Network Thinking

– Was kommt nach dem Brockhaus-Denken?
(Ulrich Weinberg)

Meine Begeisterung für dieses Werk habe ich schon in New Welfare: Coole Lern- und Arbeitsorte der Zukunft!   zum Ausdruck gebracht.

Als Erziehungswissenschaftlerin habe ich mich immer wieder mit dem Bildungsbegriff auseinandergesetzt. Dieses Blog ist so entstanden. Bildung anders denken, ist das möglich? Wie können bildungsfernere Kinder Zugänge zu Bildung erhalten? Wie müssen Bildungssysteme gestaltet sein? Das neuseeländische Schulsystem scheint hier gerade ein paar interessante Veränderungen anzugehen wie der Artikel „Bildung: Gebt den Kindern einen Grund zu lernen“ deutlich macht. Feiert Eure Fehler! ist nur einer dieser Maxime, die unserer Lern- und Arbeitskultur gut tun würde.

Wow! Und ungefähr das tut die vernetzte Lernkultur eben gleichermaßen. In unseren Schul- und Arbeitssystemen lernen wir eher Ellenbogen zu benutzen, statt Wissen zu teilen. Vernetzung ja gerne, wenn wir uns dadurch Vorteile verschaffen können.

Wir sind in unseren Brockhaus Schubladen verhaftet. Statt bei A, gleich Z mitzudenken und G auch nicht außer acht zu lassen, sitzen wir im Schächtelchen und arbeiten alles systematisch nacheinander ab, bis wir irgendwann bei Z angekommen sind.

Aber dann hat sich die Enzyklopädie schon aufgelöst, sie wird nicht mehr gebraucht. Und wer von uns hätte das mal geglaubt, dass das passieren könnte? Dass dieses Geschäftsmodell nicht mehr funktionieren wird, ja, dass eine Plattform es ablösen kann?

Entscheidend wird (aber) sein wie gut es uns gelingt, die festgelegten Grenzen im Denken zu überwinden, Fachdisziplinen, Abteilungen, Spezialisten und Experten aus der Abschottung zu holen.

 

Die bessere Geschichte
(Anselm Neft)

 

Missbrauch ist zum Kotzen! Das zeigt uns dieses Buch von Anselm Neft.

Wann und wie liest man ein solches Buch? Genüsslich im Urlaub? Gar am Strand?

Ich habe es im Strandkorb gelesen. Tut es nicht.

Und trotzdem: lest es.

Es ist eine Meisterleistung.

Denn aus der Perspektive des Opfers als Lesender mit zu erleben wie das Kind zu verarbeiten versucht, was für eine zutiefst traumatisierende Tat ihm da von einem Menschen passiert, von dem es nichts anderes erwünscht als endlich anerkannt zu sein.

Und dann in dem Innenleben dieses erwachsen werdenden Menschen zu verbleiben und zu erfahren, wie er die Kindheitserlebnisse verarbeitet.

Mir ist bei der Lektüre mehr als einmal schlecht geworden. Denn Missbrauch ist zum Kotzen.

Theodor Fontane
Die Biographie.
(Regina Dieterle)

 

Noch bevor ich begreife, dass wir in diesem Jahr den 200. Geburtstag von Theodor Fontane begehen, um genau zu sagen, gestern, springt mir auf einem Büchertisch seine Biographie ins Auge, die just zu diesem Anlass heraus gegeben wird 

Was weiß ich eigentlich über Theodor Fontane? Effi Briest, Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, Der Stechlin fällt mir so auf Anhieb ein, aber viel mehr dann auch nicht mehr.

Das 700 Seiten starke Buch wird zu meiner Haupturlaubslektüre im Sommer und ich bin fasziniert von dem Werdegang des Schriftstellers, dessen Meisterleistung und sein ganzes Können in seinem letzten Werk seine Vollendung finden.

Eine ausgezeichnet recherchierte Biographie, der es gelingt, Fontane selbst zu widerlegen, der in seinen Erinnerungen das eine oder andere Mal falsch liegt. Fake News würde man wohl heute sagen.

Aber auch die Einordnung des Menschen in die damalige Zeit, das Zeitgeschehen selbst oder die detaillierte Entwicklung seiner Schreibkunst sind hervorragend gelungen, so dass ich es von der ersten bis zu letzten Seite spannend fand.

Die Erkenntnis, dass die Eisenbahn die erste globale Vernetzungsmöglichkeit bedeutete und weitreichende Zugänge ermöglicht, ist selten so gut beschrieben, weil gerade die Mark Brandenburg darunter litt, dass Orte dort spät oder gar nicht angebunden wurden.

Im fortgeschrittenen Alter erkennt Fontane, dass die alte Welt im Verschwinden begriffen ist und eine junge, liberal denkende Generation dabei ist, das Zepter zu übernehmen. Mit seinen späten Werken findet er sich im Kreise jüngerer und junger Autoren und gilt als Spitze der Erneuerer.

Die Welt war im Umbruch, das zeigte sich in allen Bereichen, in Politik und Wirtschaft, Technik und Verkehr, Wissenschaft und Bildung sowie in der Kultur.

 

Die Welt von gestern
(Stefan Zweig)

Hier knüpft das Werk von Stefan Zweig quasi nahtlos an. Stefan Zweig war 16 Jahre alt als Theodor Fontane starb. Das Bildungssystem lehnt er bereits als zu einengend ab.

„Kein Lehrer fragte ein einziges Mal in acht Jahren, was wir persönlich zu lernen begehrten.“ Die Meinung des Lehrers galt als unfehlbar, unter der Schulbank wurde verschlungen, was wir heute als Weltliteratur bezeichnen (und damals als nicht kontrollierbares Wissen galt), weil der Unterricht so langweilig war. Und die Schüler brachten sich quasi selbstorganisiert im Diskurs lernend voran.

Das Jahrhundert, in dem er geboren wurde, bezeichnet er als eine „geordnete Welt mit klaren Schichtungen und gelassenen Übergängen, eine Welt ohne Hast. Der Rhythmus der neuen Geschwindigkeiten hatte sich noch nicht von den Maschinen, von dem Auto, dem Telefon, dem Radio, dem Flugzeug auf den Menschen übertragen.“ … „Es war das goldene Zeitalter der Sicherheit.“

Und die Hoffnung auf ein geeintes Europa war vielleicht in dieser Zeit realistisch gewesen als er von Wien als einer Metropole sprach, die „alle sprachlichen Gegensätze in sich harmonisierte, seine Kultur eine Synthese aller abendländischen Kulturen; wer dort lebte fühlte sich frei von Enge und Vorurteil.“

Wir konnten reisen, ohne Pass und Erlaubnisschein, wohin es uns beliebte, niemand examinierte uns auf Gesinnung, auf Herkunft, Rasse und Religion.“

Mein persönliches Fazit.

In den zufällig zusammen gewürfelten Büchern zeigt sich, dass Bildung ein Kernthema unseres menschlichen Daseins ist.

Lebensnotwendige Ökosysteme wie (nicht nur) Anni und Alois sie brauchen, um ihre Existenz zu sichern, sind eine Frage von Kompetenz, Bildung und Wissen.

Digitales Lernen und Künstliche Intelligenz stellt uns vor neue Herausforderungen, das alte Brockhausdenken zu verlassen und quer zu denken, Wissen zu teilen, sich zu vernetzen und gemeinsame Lernkulturen zu fördern.

„Die bessere Geschichte“ zeigt, wie Systeme (macht-) missbräuchlich genutzt werden, um krankhafte Neigungen auszuleben.

Fortschritt bringt Veränderungsnotwendigkeiten und viele Vorteile. Die Eisenbahn bedeutete Vernetzung, Zugänge, Mobilität und Globalisierung. Das Eisenbahnnetz ist symbolhaft mit dem digitalen Netz, dem Internet, zu vergleichen.

Die Welt von gestern, die schon mal ziemlich fortschrittlich war, haben wir durch technischen Fortschritt in zwei Weltkriegen als Menschheit ganz schön zerstört. Stefan Zweig war zu müde, sie ein zweites Mal wieder mit aufzubauen und beging in Brasilien Selbstmord.

Jetzt sind wir dran. Uns für den Zusammenhalt und ein geeintes Europa und Weltgeschehen zu engagieren und dabei unseren Planeten nicht zugrunde zu richten.

Die Weihnachtsbotschaft fordert uns auf: Machs wie Gott, werde Mensch.

Das ist doch mal ein guter Vorsatz für das neue Jahr.

Weitere Bücherlisten.

Autor:

Ab Juli: Landesleitung der Caritas in Schleswig-Holstein.