Wie gesund ist unsere Gesellschaft?

Es ist Frühling.

Auf meinem Gartenstuhl liegt ein Buch mit dem Titel „Die Geburt der Klinik.“

Der Autor ist Michel Foulcault.

Wie komme ich zu einer solchen Lektüre?

Warum genau zu dieser Zeit?

Vielleicht, weil ich neuerdings eine Klinik leite. Vielleicht aber auch, weil wir allmählich die Folgen der Pandemie erfahren. Und vielleicht, weil das eine mit dem anderen zusammen hängt und sich die Frage stellt:

Wie gesund ist eigentlich unsere Gesellschaft?

Die Not der Menschen nimmt zu.

Noch fehlt der vollständige Überblick, welche Schäden die Pandemie hinterlassen wird. Aber aktuelle Studien belegen, dass Kinder und Jugendliche, Personen mit psychischen Vorerkrankungen und Personen in ökonomisch prekären Lebensverhältnissen zu den Verlierern zählen. Bei Personen mittleren Alters fallen Mehrfachbelastungen durch Arbeit und Homeschooling ins Gewicht (insbesondere Alleinerziehende und Familien mit Kindern unter 12 Jahren). (vgl. Der Einfluss der COVID-19 Pandemie auf die psychische Gesundheit)

In unseren Beratungsstellen laufen die Anfragen über. Zunächst waren es pandemiebezogene und sozialrechtliche Fragen, inzwischen häufen sich die Anfragen von Menschen, die an Einsamkeit und familiären Problemen leiden, denen zuhause die Decke auf den Kopf fällt, die sich um ihre oder die Zukunft ihrer Kinder sorgen. Unsere Schuldnerberatungsstellen können die Anfragen kaum mehr bewältigen.

Das tatsächliche Ausmaß wird aufgrund von Insolvenzen und knappen Finanzen bei Land, Bund und Kommune erst in ein paar Monaten zu erkennen sein.

Klar ist schon jetzt, die gesellschaftliche Not nimmt zu.

Die Klinik.

Seit ein paar Wochen arbeite ich in einer der Kliniken, die Mutter-Kind-Kuren durchführen, dem Caritas Westfalenhaus, intensiver mit. Dabei beobachte ich, dass sich die Herausforderungen durch die Pandemie auf drei Ebenen abspielen:

  • auf der Ebene der Patient*innen / Klient*innen, denen nachhaltig geholfen werden kann, was Klinikbewertungen belegen.
  • auf der Ebene der Mitarbeitenden, die trotz umfangreicher Schutz- und Hygienekonzepte ihr Bestes geben
  • und auf der Ebene der Organisationen, die trotz Rettungsschirmen ums Überleben kämpfen.

Dass Frauen unter der Corona-Krise besonders zu leiden hatten, zeigen weitere Studien.

Demnach hat sich die Familienarbeitszeit von Vätern täglich um 2,3 Stunden erhöht – auf 5,6 Stunden pro Tag. Mütter leisteten in der Krise 7,9 Stunden unbezahlte Haus- und Familienarbeit, einen Fulltime-Job zusätzlich zur Erwerbsarbeit.

Wie sieht ein modernes Wohlfahrtssystem aus?

Zurück zu Michel Foucault und der Geburt der Klinik: „Was ist nicht in Ordnung bei diesem Kranken? Was gilt es hier zu ändern?“

Es geht bei der Neuorganisation des Gesundheitswesens im Nachgang zur französischen Revolution bis heute um die Verbindung der Elemente, die uns auch bei der Lösung der Folgen der Pandemie beschäftigen: um ganzheitliche Ansätze, Fragen der Bildung, sozial-ökonomische Bedingungen. Armut macht krank. Nicht erst seit gestern.

Alles hängt mit allem zusammen.

Wenn wir aber den Zustand auf unsere post-pandemische Gesellschaft übertragen, dann stellt sich doch jetzt die Frage: Was können wir künftig besser machen?

Der Begriff „Fürsorge“ war schon ad acta gelegt. Zu früh?

Ein modernes Fürsorgesystem ist ein gesunder Sozialstaat, der nicht nur ausreichende Sozialversicherungssysteme vorhält, sondern der auch in einem ganzheitlichen Sinne die Gesellschaft in den Blick nimmt und gesund werden lässt.

Was ist überflüssig?

Kaum gleitet der Frühling in den Sommer über, steht auch schon die Erstellung von Haushaltsplänen auf der Agenda. Die Pandemie hat 1x mehr gelehrt, auf das wirklich Wesentliche zu achten.

Aber auch: Welche Herausforderungen stehen gerade ganz besonders an?

Im letzten Jahr hat mich der Leitsatz der Caritas „Not sehen und handeln“ 1x mehr motiviert, der Praxis zu dienen.

Das Jahr hat uns durch unterschiedliche Phasen geführt: Zusammenhalt und Unsicherheit während des ersten Lock Downs, Aufatmen während des Sommers, Isolation und die Bewältigung immer neuer Auflagen in Herbst und Winter, die Umsetzung der Test- und Impfstrategien bis hin der Stabilisierung der unterschiedlichen Teams, weil sich irgendwann die Erschöpfung, die dadurch entsteht, dass die Personaldecke gleich bleibt, eben überall bemerkbar machte.

Um wirklich zu erfahren, was manche aushalten müssen, hat es mir geholfen, zwei Schichten in der Spülstraße unserer Klinik zu arbeiten.

Wenn wir also jetzt daran gehen, Haushaltspläne aufzustellen, ob in unseren eigenen Organisationen, in den Kommunen, Ländern und auf Bundesebene, dann ist die entscheidende Frage: Was ist überflüssig und was wird wirklich gebraucht?

Was ist die gesellschaftliche Aufgabe?

Denken wir daran, worauf es während der Pandemie wirklich ankommt. Was die Menschen brauchen. Was eine Gesellschaft braucht.

Ohne Fürsorge ist kein Staat zu machen. Auch kein Sozialstaat. Ordnen wir unsere Angelegenheiten. Investieren wir in Sozial- und Gesundheitsdienste und fördern Gemeinnützigkeit!

Fördern wir Diversität und Zusammenhalt!

Welche Fahrstrecken sind wirklich notwendig? Unser Lebenswandel wirkt sich aus. Auf Natur und Klima. Werden wir nachhaltig!

Videokonferenzen sind gute Beispiele dafür, dass die Investition in Technologie Kosten senkt und Effizienz steigert.

Vollenden wir zügig unsere digitalen Transformationsprozesse!

Die Ökonomisierung der Gesellschaft und damit der sozialen Arbeit ist durch die Erfahrung der Pandemie endgültig abgeläutet.

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