Veröffentlicht in Europa

Warum Europa das Zeug hat, sich sozialdigital zu profilieren.

Schnell ist der dicke Geschichtsband gezückt, auf dem in großen Lettern Europa steht und der Blick fällt auf bunte Bilder einer illustren Zeit.

Sie machen verstehend, warum die tausend Jahre alten Ruinen und Kulturgüter heute noch so gerne von Touristen weltweit besucht werden.

Der Grand Place in Brüssel gilt als einer der schönsten Plätze Europas und ist Sinnbild für das feudale und traditionsreiche Leben, das Europa über viele Jahrhunderte ausgemacht hat.

Die Geschichte der Europäischen Union ist deutlich jünger. Mit dem Beginn der Montanunion in den 50er Jahren über die Wirtschafts- und Währungsunion mit dem europäischen Binnenmarkt entwickelte sich ab den 90er Jahren auch die Soziale Union.

Die Sozialpolitik der EU.

Zunächst war die europäische Sozialpolitik sehr arbeitsmarkt- und wirtschaftsnah orientiert.

Aber die Mitgestaltung der Wohlfahrt und anderer Sozialverbände hat dazu beigetragen, dass europäische Förderprogramme und Politiken vielfältige soziale Themen in den Blick nehmen. Die kürzlich veröffentlichte Europäische Säule sozialer Rechte fasst diese unter drei Überschriften zusammen:

  • Chancengleichheit und Arbeitsmarktzugang
  • Faire Arbeitsbedingungen
  • Sozialschutz und soziale Inklusion

Unter Sozialschutz und soziale Inklusion werden erstmals die für Wohlfahrt und soziale Arbeit wichtigen Themenfelder benannt:

Betreuung und Unterstützung von Kindern (11)
Kinder haben das Recht auf hochwertige, bezahlbare frühkindliche Bildung und Betreuung.

Kinder haben das Recht auf Schutz vor Armut. Kinder aus benachteiligten Verhältnissen haben das Recht auf besondere Maßnahmen zur Förderung der Chancengleichheit.

Sozialschutz (12)
Unabhängig von Art und Dauer ihres Beschäftigungsverhältnisses haben Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und unter vergleichbaren Bedingungen Selbstständige das Recht auf angemessenen Sozialschutz.

Gesundheitsversorgung (16)
Jede Person hat das Recht auf rechtzeitige, hochwertige und bezahlbare Gesundheitsvorsorge und Heilbehandlung.

Inklusion von Menschen mit Behinderungen (17)
Menschen mit Behinderungen haben das Recht auf Einkommensbeihilfen, die ein würdevolles Leben sicherstellen, Dienstleistungen, die ihnen Teilhabe am Arbeitsmarkt und am gesellschaftlichen Leben ermöglichen, und ein an ihre Bedürfnisse angepasstes Arbeitsumfeld.

Langzeitpflege (18)
Jede Person hat das Recht auf bezahlbare und hochwertige Langzeitpflegedienste, insbesondere häusliche Pflege und wohnortnahe Dienstleistungen.

Wohnraum und Hilfe für Wohnungslose (19)
a. Hilfsbedürftigen wird Zugang zu Sozialwohnungen oder Unterstützung bei der Wohnraumbeschaffung von guter Qualität gewährt.

b. Sozial schwache Personen haben das Recht auf angemessene Hilfe und Schutz gegen Zwangsräumungen.

c. Wohnungslosen werden angemessene Unterkünfte und Dienste bereitgestellt, um ihre soziale Inklusion zu fördern.

Zugang zu essenziellen Dienstleistungen (20)
Jede Person hat das Recht auf den Zugang zu essenziellen Dienstleistungen wie Wasser-, Sanitär- und Energieversorgung, Verkehr, Finanzdienste und digitale Kommunikation. Hilfsbedürftigen wird Unterstützung für den Zugang zu diesen Dienstleistungen gewährt.

Der Zugang zur digitalen Kommunikation wird als essentiell notwendig eingefordert.

Aber wie ist es um diesen Zugang in der Europäischen Union bestellt?

Die Digital Agenda der EU.

Die Kommission konzipierte die Digital Agenda für Europa als eine der sieben Leitinitiativen der Strategie Europa 2020 und knüpfte damit an die Lissabon-Strategie an.

Damit ein faires, offenes und sicheres digitales Umfeld geschaffen wird, baute die Kommission ihre Strategie für einen digitalen Binnenmarkt auf drei Säulen auf.:

  • verbesserter Zugang für Verbraucher und Unternehmen zu digitalen Waren und Dienstleistungen in ganz Europa
  • die Schaffung der richtigen Bedingungen, damit sich digitale Netze und innovative Dienste entwickeln können und
  • die optimale Ausschöpfung des Wachstumspotenzials der digitalen Wirtschaft.

Quelle: http://www.designbysoap.co.uk/portfolio/european-commission-digital-agenda-scoreboard/

Europas Zukunft muss sozialdigital sein.

Die Scorecard der Digital Agenda zeigt, dass in 2015 85% der Menschen in Europa das Internet nutzten. 60% Nutzer zählten zu Personengruppen, die sozial benachteiligt sind.

Manche europäischen Länder gelten bei der Umsetzung der Digital Agenda als besonders fortschrittlich. Estland ist so ein Beispiel. Eine kleine Republik wird zum digitalen Vorzeigestaat.

Noch werden Digital Agenda und Sozial Agenda losgelöst von einander betrachtet. Das lässt sich auch an der Budgetplanung erkennen.

Quelle: https://www.digitalsme.eu/the-negotiations-of-the-eu-budget-2021-2027-take-aways-for-digital-smes/eu-budget-1/

Aber das muss sich zwingend ändern. Die Digitalisierung der sozialen Arbeit kann nicht an nationalen Grenzen halt machen, da Netzpolitik wie sozialer Zusammenhalt europäische Themen sind. Sie müssen integriert gedacht werden, gerade um allen Menschen Zugänge zu verschaffen.

Die Zeit dafür ist jetzt. Denn  jetzt laufen die Planungen für die Förderphase 2021 bis 2027.

Europa hat den Vorteil, dass es anders als andere global Player eine Wertegemeinschaft ist, die sich zu differenzierten sozialen Grundrechten bekennt. Das war eine entscheidende und notwendige Vorarbeit auf die nun eine sozial-digitale Agenda aufbauen kann.

Wenn das gelingt, hat Europa gegenüber anderen global Playern den Vorteil ethisch integrierter Prinzipien, die eine einzigartige Qualität bedeuten können und Vorreiter sein können.

Europa hat und hatte das Zeug für Innovationen, wenn es sich nicht durch Grenzen und Mauern fesseln ließ.

Mach Dich also auf, good old thing!

You will make it!

Weiterführende Links:

Booklet Europäische Säule sozialer Rechte

Von Estland lernen: Wie ein kleine Republik zum digitalen Vorzeigestaat wird.  

Veröffentlicht in Führung

Wie das Bundesteilhabegesetz und der digitale Wandel die soziale Arbeit gerade auf den Kopf stellen.

Die Grundsätze der UN-Behindertenrechtskonvention, die 2008 beschlossen wurden, setzen eine gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung voraus.

Um die in der Konvention beschlossenen Grundsätze in Deutschland umzusetzen, hat die Bundesregierung am 29.12.2016 das Bundesteilhabegesetz beschlossen. Das Ausführungsgesetz in NRW wurde am 11. Juli 2018 verabschiedet.

Im gleichen Zeitraum, seit der Einführung des ersten Smartphones im Januar 2007, halten neue Technologien beschleunigt Einzug in unseren Alltag und damit in die soziale Arbeit insgesamt, sei es, dass sie von Klient/innen genutzt werden oder, dass sie die Arbeit erleichtern, unterstützen, verändern.

Angebote reichen von Sensoren in Wohngemeinschaften für an Demenz erkrankte Menschen bis hin zu Online- und Chatberatungsangeboten im Netz.

Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Im Mittelpunkt steht der Mensch, aber anders.

Die UN-Behindertenrechtskonvention und in ihrer Umsetzung das Bundesteilhabegesetz stellen den Menschen in den Mittelpunkt. Das, so werden viele jetzt behaupten, hat die soziale Arbeit doch schon immer getan.

Ja, aber anders.

Bisher ist die Behindertenhilfe wie die soziale Arbeit insgesamt noch stark von einem Fürsorgegedanken geprägt. Diese Grundhaltung ist auch die Motivation für viele Studierende der sozialen Arbeit. Das ändert sich gerade.

Im Mittelpunkt steht fortan nachwievor der Mensch. Aber anders. Als Anwender, Nutzer, Kunde der sozialen Arbeit.

Diese Blickrichtung wurde bereits Mitte der 2000er im Zuge der Neuausrichtung der Arbeitsmarktpolitik versucht. Angelehnt an die englische JobCenterphilosophie und den damit verbundenen Dienstleistungsgedanken wurde erstmalig ein Kundenbegriff in der sozialen Arbeit eingeführt, der in Deutschland kläglich gescheitert ist.

Weder die öffentliche Hand noch die Träger der sozialen Arbeit waren bereit, der neuen Philosophie in ihrer ganzen Tragweite zu folgen.

Die Methoden der digitalen Transformation wie beispielsweise  Scrum stellen ebenfalls den Anwender und damit den Menschen in den Mittelpunkt.

Diesmal muss uns der Wandel gelingen.

Was Führungskräfte können müssen.

Sowohl die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes als auch die Anforderungen des digitalen Wandels lösen Irritationen bis hin zu Ängsten bei Führungskräften auf allen Ebenen aus. Denn es ist nicht im Detail genau vorhersehbar, was zukünftig an Anforderungen zu erfüllen ist und welche Veränderungen genau bevorstehen.

Gerade aber die Behindertenhilfe wie einige andere Felder der sozialen Arbeit gleichermaßen hatte bisher die komfortable Ausgangssituation, dass die Systeme geordnet, die Finanzierungsströme geregelt und die Abläufe hierarchisch sortiert waren.

Veränderungen zu managen, bedeutet vor allem diejenigen mitzunehmen, die es betrifft. Das ist kein leichtes Unterfangen, weil weder die Auswirkungen des Bundesteilhabegesetzes noch die Auswirkungen des digitalen Wandels in Gänze zu überblicken sind.

Hinzu kommt, dass auch die Führungskräfte betroffen sind, das heißt, sie müssen die Notwendigkeit der Organisations- und Kulturveränderung nicht nur erkennen, sondern selbst reflektiert auch auf sich anwenden, umsetzen und ihre Mitarbeitenden dabei unterstützen, den Organisations- und Kulturwandel zu meistern.

Aktuell konzentrieren sich viele Führungskräfte noch auf die technischen und technologischen Lösungen wie im Bundesteilhabegesetz die neue Finanzierungssystematik und die damit verbundene Förderplanung, Fördergewährung und Fördererfüllung. Im Kontext des digitalen Wandels prüfen sie effiziente Softwarelösungen und Hardwaremodelle.

Die Veränderungen werden tiefgreifend sein und Neuerungen auf allen Ebenen bedeuten.

Das Anforderungsprofil an die Führungskräfte ist daher:

  • Bereitschaft zu Organisations- und Kulturveränderung
  • Transparenz
  • Agilität und Flexibilität
  • Veränderungsfähigkeit
  • offen für Innovationen
  • Veränderungsprozesse managen
  • Menschen mitnehmen
  • gute Kommunikationsfähigkeit
  • Fähigkeit zur Selbstreflexion

Wohlfahrt muss sich neu erfinden.

Das Bundesteihabegesetz bietet aufgrund seiner deutlich besseren Ausstattung hier die Möglichkeit ein echter Vorreiter in Sachen neue Wohlfahrt zu leisten. Der technologische Wandel wird keine Rücksicht auf Veränderungsresistenz legen. Organisationen, die nicht fähig sind, den Wandel zu managen, werden zukünftig keine Abnehmer/innen mehr haben und vom Markt verschwinden. Neue Organisationsformen und -typen werden an ihre Stelle treten.

  • Entsäult statt versäult
  • Offene Strukturen
  • Synergien zwischen den Geschäftsbereichen
  • Experimentierräume
  • flache Hierarchien
  • Neue Kooperationen
  • Social Entrepreneure

Auch und gerade die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege sind von diesen Veränderungen betroffen, denn ihre Aufgabe ist es, die Veränderungsprozesse ihrer Mitglieder zu begleiten und auch selbst in einer ähnlich agilen und flexiblen Weise den Wandel zu gestalten.

Beide Entwicklungen bedeuten einen Paradigmenwechsel für die soziale Arbeit. Das hat Auswirkungen auf Organisations- und Personalentwicklungskonzepte, auf Führungs- und Hierarchiefragen sowie auf Organisationsstrukturen, -prozesse und -kulturen.

Letztlich werden die Notwendigkeiten der Veränderung Wohlfahrt transformieren und neue Organisationstypen schaffen, die neue Qualifikationen und Kompetenzen der Fach- und Führungskräfte erfordern.

Zum Weiterlesen:

BTHG und Führung: Die Mitarbeitenden qualifizieren, die Organisation entwickeln

Digitale Transformation 

Veröffentlicht in Tagebuch

Meditation in Zeiten von Disruption.

Vor ein paar Tagen habe ich mal wieder den Selbsttest gemacht.

Es geht!

Ein paar Tage mal alle Kanäle abschalten und zur inneren Ruhe kommen.

Die Einsiedelei.

Als Ort habe ich mir eine Unterkunft in der Nähe einer Einsiedelei ausgesucht.

Vom SozialCamp auf dem Michaelsberg ging es direkt zu diesem kleinen Kirchort, der mit eigenen Händen erbaut wurde.

Früher auf dem Michaelsberg, als es noch eine Benediktinerabtei mit einem Exerzitienhaus war, habe ich dort mal an Schweigeexerzitien teilgenommen. Eine nachhaltige Erfahrung.

Ein schöner Wanderweg führt durch Berg und Tal und den leuchtenden Oktoberwald zur Einsiedelei, die recht versteckt am Hang liegt und ohne Hinweisschild kaum zu finden ist.

Als ich den Kreuzweg entlang gehe, schaue ich auf die Frauen, die bei der Kreuzigung, beim Sterben und bei der Grablegung dabei sind.

In der Kapelle brennen drei Kerzen. An der Wand hängen Tafeln mit Dankesworten für die Hilfe Marias.

„Bei der Kapelle ist eine Lourdesgrotte aus dem Jahre 1923 und eine Mariensäule aus dem Jahr 1929/30 mit dazugehörigem Kreuzweg mit 14 Stationen zu finden. Hier hat von 1906 bis 1945 der fromme Einsiedler Jakob Leisen gelebt. Er baute einen Kreuzweg und eine kleine Kapelle im Wald. Wenn die Wiersdorfer ihn bei ihren Sonntagsausflügen besuchten, bewirtete er sie mit Schwarzbrot und selbstgemachtem Ziegenkäse.“ heisst es auf Eifel-Info.

Der Einsiedler ist 1945 verstorben.

Die Bücher.

Als Lektüre habe ich mitgenommen, was noch auf das Lesen wartete.

  • Robert Habeck „Wer wir sein könnten“ – Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht, Köln 2018
  • Angelika Limmroth: Jenny Marx. Die Biographie, Berlin 2018
  • Johannes Eckert: Steht auf! Frauen im Markusevangelium als Provokation von heute. Freiburg im Breisgau 2018

Faszinierend zu sehen wie sehr die drei Bücher mit einander zu tun haben. In allen drei Büchern ist Politik ein wichtiges Thema. Und Glaube. Und Kirche. Und Demokratie. Und Sprache. Und Frauen.

Transformation.

Robert Habeck erläutert am Beispiel der „Kreuzpflicht“ in Bayern, dass das Kreuz hier zu einem Symbol abgewertet wird.

Es verdinglicht den Glauben und macht ihn zu einem Brauchtum.

schreibt er in „Wer wir sein könnten – warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht.“

„Sprache schafft Wirklichkeit.“ Er beobachtet eine Verrohung der Sprache, die eine Gefährdung der Demokratie und eines konstruktiven Diskurses bewirkt. Er fordert dazu auf

… viel umfassender auf Sprache zu achten und dabei stärker das zu beherzigen, worum es im Kern geht: um Verständlichkeit, Respekt, Anerkennung.

Gerade auch und um unsere Demokratie und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu schützen.

Im Leben der Jenny Marx, Ehefrau von Karl Marx, sind Sprache und Schreiben der Schlüssel der Reform und Revolution. Anders als in anderen Ländern gelingt der Aufstand auf der Straße nicht, da die Deutschen „Kulturpatrioten“ sind. Die Revolution von 1848 hat nicht die gewünschten politischen Verhältnisse gebracht also wurde geschrieben.

Robert Habeck macht dies an Schillers „Ästhetische Erziehung des Menschen“ deutlich. Auch Martin Luther war schon der Auffassung: „Wenn Du die Welt verändern willst, nimm einen Stift und schreib.“

Jenny und Karl griffen beim Schreiben auf ein globales Netzwerk zurück. Sie schrieben regelmässig zahlreiche Briefe an zig Verbündete und schufen somit einen weitreichenden Verbund zur Förderung ihrer Ideen.

Kaum auszudenken, was ein digitales soziale Netzwerk wohl bewirkt hätte!

Die Biographie ist ein mehr als unterhaltsamer bis hin erhellender Einblick in das Leben eines Paares, das für eine Idee gelebt und gekämpft hat.

Trotz ihres langjährigen Zusammenlebens blieben Jenny und Karl zwei selbständige Individuen, die ein Gemeinsames bildeten. Der nie abreißende Dialog zwischen ihnen, die gegenseitige Anerkennung und Achtung sowie das Gefühl füreinander bildeten das tragfähige Fundament ihrer Partnerschaft.

Abt Johannes Eckert stellt in seinem Buch „Steht auf!-Frauen im Markusevangelium als Provokation für heute“, eine ruhige, schlichte, ja fast schüchterne, Frage:

Würde nicht die Kirche im Blick auf ihre Ursprünge durch geweihte Frauen an Authentizität gewinnen?

Eine Frage, die vor noch nicht all zu langer Zeit ein absolutes Tabuthema war. Was spricht eigentlich noch ernsthaft dagegen?

Am letzten Tag erklimme ich wieder den Hügel zur Einsiedelei. Ich nehme in der engen Kapelle Platz und anschließend draußen auf einer Bank in der Sonne, die einen weiten Blick ins Land erlaubt.

Weitblick.

Freiheit.

Kirche atmet (wieder) Freiheit.

Wenn sie raus geht, Kulturbrüche wagt und an einer zeitgemäßen Gesellschaft und deren Zusammenhalt mitwirkt.

Zum Weiterlesen:

Abt Johannes Eckert über starke Frauen im Markus-Evangelium

Generalvikar hat Sympathie für die Abschaffung des Zölibats

Lasst uns lieber Mauern einreißen, statt aufbauen

Was uns Martin Luther für das Zeitalter des digitalen Wandels lehrt

Veröffentlicht in SozialCamp

#SozialCamp: Lasst uns das Internet zu einem guten Ort machen !!

Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss.

So war es auch beim BarCamp der sozialen Arbeit, dem SozialCamp, am vergangenen Donnerstag und Freitag in Siegburg.

Eine Gruppe junger Studierender der Katho NRW erklärte uns, was für sie das Internet bedeutet.

Es fing damit an, dass sie uns aufforderten, die Augen zu schließen.

„Und jetzt stellt Euch einen Ort vor, mit dem ihr wundervolle Gefühle verbindet, an dem ihr Euch sehr wohl gefühlt habt … “

Ich habe dabei an einen Ort in meiner Kindheit gedacht, in der Natur wie wir lachend die Wiesen hinunter gerollt sind und die Dämmerung schon leicht eingesetzt hatte. Ein Herbstabend. Der würzige Geruch lag in der Luft.

„Das ist für uns das Internet … “

Wow! Das hat selbst mich überrascht, obwohl ich mich durchaus als afin einschätze.

Das SozialCamp – eine Erfolgsstory?

Die Teilnehmendenzahlen sagen erstmal ja: Von 60 in 2016 über 120 in 2017 auf 180 in 2018. Das ist eine Menge.

Und während ich das Bad in der Menge der herumwuselnden Schwarmintelligenz genieße, frage ich mich, was die Erfolgsfaktoren sind. Hier der Versuch einer Antwort.

  • Es wird von der Community getragen.
  • Die Sponsoren bleiben im Hintergrund.
  • Das „DU“ wird konsequent eingefordert und stellt tatsächlich Augenhöhe her.
  • Es vernachlässigt Hierarchien.
  • Es ist grenzenlos. (international, organisational)

Über das SozialCamp in 2016 habe ich resümiert: „Warum BarCamps das Lernen & Arbeiten revolutionieren“. Hier ging es zwar vorrangig um das BarCamp als neues Bildungskonzept, aber gleichzeitig auch als Sinnbild dafür wie zukünftig unsere Lern- und Arbeitswelten funktionieren:

  • in Netzwerken
  • interaktiv
  • organisationsübergreifend
  • digital
  • in kreativen Lern- und Arbeitsräumen (Makerspaces)
  • ergebnisoffen
  • kollaborativ

Ein BarCamp hat ein bestimmtes Veranstaltungsformat.

Und das hat es in sich.

Weil es ausstrahlt.

Verändert.

Transformiert.

Nicht nur die, die teilgenommen haben, auch deren Organisationen.

Das SozialCamp 2017 habe ich daher so zusammengefasst: BarCamp als Beitrag zur Organisationsentwicklung. 

SozialCamp der Zukunft: meine kleine Vision.

Die Experimentierphase von drei Jahren ist nun over. Solange haben wir uns Zeit gegeben, zu schauen, ob es Sinn macht ein eigenes BarCamp für die Soziale Arbeit anzubieten. Die Zahlen sprechen für sich.

Und auch die Rückmeldungen, die bemängeln, dass es von den Teilnehmenden her sehr caritaslastig ist.

Das Thema Digitalisierung ist in der sozialen Arbeit angekommen und damit auch die veränderte Führungs- und Organisationskultur. Und an vielen Orten entstehen nun  eigene kleinere und größere vergleichbare Formate.

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann, dass die Rückmeldungen ernst genommen werden und wir die Marke Caritas noch mehr zurückstellen und auch weitere Wohlfahrtsverbände sowohl als Sponsoren als auch Teilnehmende gewinnen können.

Und, dass wir beim SozialCamp noch mehr die aktuellen gesellschaftlich oben auf liegenden Themen in den Blick nehmen. Das gelingt schon ganz gut mit NoHate-Themen und Inklusion, da ist aber noch Luft nach oben.

Ich wünsche mir, dass aus dem SozialCamp eine Mini-Re:Publica der sozialen Arbeit wird: mit Experimentierständen, einer zentralen Botschaft und einem wunderbaren wuseligen Beispiel dafür wie sozialer Zusammenhalt gelingen kann.

Und jetzt bin ich auf Eure Meinungen gespannt! Was sagt ihr? Schreibt es doch gleich unten in die Kommentare!

Hier findet Ihr noch weitere Blogbeiträge und Infos zum SozialCamp 2018:

https://sozialcamp.de/2018/10/30/so-war-das-barcamp-soziale-arbeit-2018/

Veröffentlicht in Tagebuch

Die neue Caritas: Streetworker & Tweetworker.

Mein Eindruck ist, dass die soziale Arbeit eine Renaissance erlebt. Und das ist gut so. Denn in einer zunehmend digitalisierten Welt wird die Sozialwirtschaft zum Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält.

Wir brauchen Fachkräfte für den sozialen Zusammenhalt.

Eines der gravierendsten und damit auch ein gesamtgesellschaftliches Problem sind fehlende Fachkräfte in Erziehung, Bildung, Sozialpädagogik und Pflege. Während ein größerer Teil der Arbeit möglicherweise zukünftig automatisiert und technologisch getan werden kann, ist das in der sozialen Arbeit nicht möglich. Sie lebt von personenbezogenen Beziehungen.

Diese Fachkräfte sind nicht nur wichtig, weil damit Arbeitgeber befriedet werden. Sie sind wichtig, weil sie der Kitt sind, der die Gesellschaft zusammen hält.

Familien brauchen Erzieher/innen, Lehrer/innen, Pflegekräfte und besonders arme Menschen brauchen Unterstützung beim Heranwachsen ihrer Kinder und Enkel oder der Versorgung ihrer Eltern. Auch, weil sie dann wieder unsere zukünftigen Fachkräfte sind.

Daher haben wir uns in der Freien Wohlfahrtspflege Anfang der Woche getroffen, um an Lösungen zu arbeiten. Wir haben analysiert, was sich ändern muss, damit der soziale Bereich (wieder) an Attraktivität gewinnt.

Sozial wird Digital.

Neue Technologien können die soziale Arbeit unterstützen. Genau darum ging es bei der 18. Delegiertenversammlung des Deutschen Caritasverbandes. Wir wollen Onlineberatung, Chatforen und ähnliches anbieten, um Menschen in Not auch im Netz erreichen zu können.

Das Thema wird innerhalb der Caritas seit geraumer Zeit diskutiert und es gibt schon heute eine Reihe guter Ansätze. Jetzt gilt es, die Arbeitsebenen zu koordinieren und auch sozialpolitisch zu fragen, was ist zu tun?

In Gesetzgebungsverfahren müssen neue Technologien geplant und budgetiert werden.  So ist beispielsweise im Bundesteilhabegesetz das Assistent Living als verhandelbar vorgesehen.

Selbsthilfe und Partizipation zur Strategie machen.

Zwei Aktivisten, die selbst Armut erfahren haben, sprechen vor dem vollen Haus der Delegiertenversammlung. Respekt. Ein Impuls, der einen unserer Ortscaritasdirektoren inspiriert, dass wir uns hier als Caritasverband im Bistum Essen mehr engagieren sollten. Eine ausgezeichnete Idee! Die Einbeziehung von Menschen wie es der Kreuzbund beispielhaft tut, ist ein wichtiger Beitrag zu einem gesellschaftlichen Miteinander.

Die 18. Delegiertenversammlung des Deutschen Caritasverbandes hat entscheidende Impulse gebracht. Gegen Rechtspopulismus, für den Einsatz von Technologie in der sozialen Arbeit, über den langen Kampf des Verbandes gegen Armut, für eine Erneuerung der Kirche und hier war vielleicht ein (sehr) guter Anfang, dass wir eine gendergerechtere Satzung beschlossen haben.

Von Osnabrück, der Friedensstadt, geht Aufbruchstimmung und Zuversicht aus. Die aktuelle Situation in der Kirche braucht Bistümer wie Osnabrück oder Essen, die Freiheit atmen, die Kirche nach vorne bringen und alte Zöpfe und Unkulturen in der katholischen Kirche und ihrer Caritas abschneiden.

Weiterführende Links:

Twitter für Einsteiger

Verbändearbeit 2020

Soziale Arbeit 4.0

Pressemeldung Deutscher Caritasverband