Veröffentlicht in Tagebuch

Krisenmodus: Die Konzentration auf das Wesentliche.

Seit gut drei Wochen arbeiten wir nun im Krisenmodus. Seit gut 2 1/2 Wochen überwiegend von zuhause.

Plötzlich funktioniert all das, was wir seit Monaten theoretisch diskutieren:

  • Wir fokussieren uns auf das absolut Wesentliche.
  • Im Mittelpunkt des Handelns stehen die Anforderungen der Praxis vor Ort.
  • Neue Technologien sind selbstverständliches Handwerkszeug.

Vieles fällt weg:

  • Lange Wegstrecken
  • Redundanzen
  • Ergebnislose Sitzungen
  • Endlose Terminsuche

Es ist wie eine Skulptur, bei der der Bildhauer alles Überflüssige weghaut, damit die Schönheit, das Wesentliche, sichtbar wird.

Insbesondere gilt das für unsere Gesellschaft. Es werden diejenigen und das sichtbar, das (System-) relevant ist.

  • Berufsgruppen
  • Institutionen
  • Gesundheit
  • Werte
  • Grundrechte
  • Sozialschutz
  • Umwelt

Krisenmanagement.

Der Tag beginnt mit einer Videokonferenz … würde jetzt stilistisch gut klingen. Stimmt in meinem Fall aber nicht.

Mein Tag beginnt mit einer Tasse Tee und Nachdenken. Es ist früh und die Zeit des Tages, in der ich gedanklich sortiere und ordne, Pläne mache und Ideen entwickle.

Das ist nicht anders als sonst.

Später ist aber der Weg zum Schreibtisch deutlich kürzer und die Meetings knapper. Über den Tag verteilt summieren sich 4- 5 Videokonferenzen. Manche dauern nur eine halbe oder 3/4 Stunde. Andere gehen über den ganzen Nachmittag. Jede dieser Konferenzen hat konkrete Ergebnisse und orientiert sich unmittelbar an dem, was die Praxis braucht. Ein Thema, das immer auf der Tagesordnung stand, sind Schutzmaterialien, denn die fehlen an allen Ecken und Enden. Vor allem in Einrichtungen, die ohne Schutzmaterialien gar nicht arbeiten dürfen.

Die Not fördert den Zusammenhalt. Sie fördert zügige politische Entscheidungen und erfordert ein agiles Agieren wie es für manche von uns eher immer noch ungewohnt ist. Der lange Diskurs entfällt. Das ist nicht nur gut, denn schnelle Entscheidungen sind nicht immer perfekt. Aber jetzt müssen sie sein.

Jede Videokonferenz ist eigentlich ein Krisenstab. Kern ist der Krisenstab, der Unterstützung für unsere Mitglieder organisiert und täglich zur gleichen Zeit zu einem kurzen Meeting zusammen kommt, um die Tätigkeiten im Zeitraum bis zum nächsten Tag zu teilen, zu planen und mögliche Hindernisse im Team zu kommunizieren, um notwendige Aktionen möglichst sofort einzuleiten.Fester Bestandteil ist ebenfalls ein tägliches Videoangebot für unsere Mitglieder zu einem bestimmten Thema.

Hinzu kommt 1-2x die Woche die Videokonferenz mit dem Hauptausschuss der Freien Wohlfahrt NRW, um Aktivitäten auf Landesebene zu bündeln und anzugehen.

Neu ist jetzt ein interministerieller Krisenstab mit dem Land NRW, um Querschnittsthemen zu besprechen.

Unser Corona-Mitgliederservice.

Der Krisenstab für unsere Mitglieder ist ein Arbeitsstab der Geschäftsleitung, der eingerichtet wurde, um Mitgliederbedarfe, die durch die Coronakrise entstehen, zeitnah bearbeiten und lösen zu können. Er unterscheidet sich damit vom internen Krisenstab, der Coronathemen, die die Mitarbeitenden in der Geschäftsstelle betreffen, bearbeitet.

Der Arbeitsstab setzt sich durch die Leitungen der Kompetenzzentren zusammen. Kompetenzzentren arbeiten in der Geschäftsstelle im Sinne einer Matrixorganisation abteilungsübergreifend an Produkten, Dienstleistungen und Angeboten, um Mitgliederbedarfe effizient zu bedienen. 

Die Leitungen der Kompetenzzentren können zur Bearbeitung von Aufgaben auf Teams zurückgreifen. So sollen Themen und Fragen, die durch die Coronakrise aufgeworfen werden, zügig gebündelt bearbeitet werden. 

Formate und Strukturen der Arbeit orientieren sich an dem, was gebraucht wird. Es ist ein lernender Prozess, da die Unmittelbarkeit des Handelns bisher in dieser Weise ungewohnt ist.

Methoden & Arbeitsweise 

  • tägliche Videokonferenzen, die sich an der Daily-Scrum* Methode orientieren
  • Bearbeitung von Einzelanfragen
  • Identifikation von relevanten Themen (z.B. Schutzmaterialien, Kurzarbeit, Liquidität)
  • Transport der Mitgliederanfragen an Entscheidungsträger
  • Feedback & Bedarfsumfragen via Workplace
  • Produkte & Projekte, die Mitglieder in der Krise unterstützen
  • Begleitende Social Media Arbeit (Social Media Team*)

Das Social Media Team ist eine Workplacegruppe, in der Social Media Aktivitäten koordiniert werden. Für die Social Media Arbeit während der Coronakrise wurden 3 Ziele verabredet: 

  • Information (Hilfesuchende)
  • Sozialpolitische Öffentlichkeitsarbeit (Politik, Kostenträger, Stakeholder)
  • Emotionaler Content (Dank aussprechen, Mitgefühl, Seelsorge)

 

Bisherige Ergebnisse & Produkte

  • zeitnahe Information / Echtzeitkommunikation über Lobbyletter & Workplace
  • Hotline für unsere Mitglieder
  • Sicherung des Fortbestands der Dienste & Einrichtungen durch Rettungsschirme auf Bund- und Länderebene durch Lobbyarbeit & Social Media
  • gezielte Einzelberatung
  • Gruppenberatungen/VideoChats zu Kurzarbeit, Liquidität, Werkstätten, Onlineberatung, Schutzmaterialien & Quarantäne, Arbeitsrecht, Betreutes Wohnen, Bundes- und Landesgesetze
  • Übersicht über die Liquidität einzelner Dienste und Einrichtungen
  • Arbeitshilfe Krisenmanagement für die örtliche Pressearbeit 

Was der Arbeitsstab nicht leisten kann:

  • Längere fachliche Diskurse
  • Entwicklung von Produkten & Dienstleistungen, das ist Aufgabe der Kompetenzzentren.

Wie wird die (Arbeits-) Welt nach Corona aussehen?

Um im Bild zu bleiben: wie kann die Schönheit der Skulptur erhalten bleiben?

Die schöne neue Homeoffice-Welt kann und darf nicht romantisiert werden. Denn für viele Menschen sieht die Welt deutlich anders aus. Auch für die Dienste und Einrichtungen der Wohlfahrt, die insbesondere gerade jetzt vor gravierenden täglichen Herausforderungen stehen. Für viele Menschen wird diese Krise einschneidende wirtschaftliche Folgen haben.

Aber vielleicht lehrt uns dieser Shut down im Auge zu behalten, was wesentlich ist. Welche Berufsgruppen existentiell notwendige Dienste für die Gesellschaft tun. Dass es Institutionen braucht wie Krankenhäuser, Pflegeheime, soziale Einrichtungen, die nicht unter dem Druck der Gewinnorientierung stehen, sondern frei und gemeinnützig ihrem gesellschaftlichen Auftrag nachkommen.

Vielleicht ist dieser Shut Down ein neuer Aufbruch für gesellschaftlichen Zusammenhalt, für Sozial- und Gesundheitsschutz, für elementare Grundrechte, Solidarität und Umweltfragen.

Denn diese gesellschaftliche Form, Skulptur, wird es brauchen, um die Folgen der Krise bearbeiten zu können.

Schön wär’s. Allemal.

Veröffentlicht in Tagebuch

Agiles Krisenmanagement. #Corona

Die Vögel zwitschern und die Forsythien blühen. Nach wochenlangem Regen drängt es die Menschen auf die Strasse. Kinder wollen sich mal so richtig austoben.

Und dann das.

Etwas nie dagewesenes passiert.

Ein Ausnahmezustand.

Die Bedrohung ist ein Virus. Ein unsichtbares Etwas, das gerade der globalen Gesellschaft größter Feind wird.

Ende Januar war man in Deutschland noch der Auffassung, dass es kein besonders Risiko für die Bevölkerung gibt, das sieht Stand heute deutlich anders aus.

Die Bevölkerung sitzt überwiegend im Home-Office, die Grenzen werden geschlossen, selbst die Bundesländergrenzen sind nicht mehr freizügig zu passieren und je nach Verlauf, könnte es sogar zu einer Ausgehsperre kommen.

Was ist zu tun?

Es fängt damit an, dass man sich nicht mehr die Hand reicht und beim Händewaschen Happy Birthday singt. Noch gehe ich zu den verschiedenen Events, aber schon mit einem gewissen Abstand.

Es wird unheimlicher.

Aber noch planen wir größere Veranstaltungen, können uns gar nicht vorstellen, dass das Leben stehen bleibt.

Und dann beinahe von einem Tag auf den anderen ist klar:

Das ist ein richtiges fettes Ding, das da unsichtbar auf uns zu rast.

Interner Krisenstab.

Als erstes richten wir einen internen Krisenstab ein. Unser Haus der Caritas im Bistum Essen ist ein Haus der Begegnung. Hier treffen sich gerne viele Gremien, weil es zentral ist. Außerdem sind wir ein Fort- und Weiterbildungszentrum.

Alles steht still.

Abgesagt.

Wird abgesagt das Unwort des Jahres 2020? Auf jeden Fall wird dieser Frühling als der Coronafrühling in die Geschichte eingehen.

Wir Deutschen haben zum Glück immer so einfache Begriffe, wenn wir irgendetwas ordentlich regeln. Zum Beispiel das schöne Wort „Organisationsverfügung“. Das jedenfalls erarbeiten wir und regeln damit die notwendigen Dinge, die unsere Geschäftsstelle betreffen.

Service für unsere Mitglieder.

Die größere Herausforderung ist die Begleitung unserer Mitglieder. Unsere Mitglieder stehen vor enormen Herausforderungen. Es geht darum, die Mitarbeitenden und die Klienten oder Bewohner zu schützen. Es geht um gesellschaftliche Verantwortung. Und um schnöde, aber existentiell wirtschaftliche Fragen.

Wie organisieren wir uns?

Wir wenden (einfach) an, worauf wir uns jetzt schon eine ganze Weile vorbereitet haben: digitale Tools und agile Arbeitsweisen.

Zum Glück sind viele Mitarbeitende entsprechend geschult. Ganz klar ist:

Der Corona-Virus ist ein Beschleuniger digitaler Transformationsprozesse.

Nachdem die internen Dinge fürs erste geregelt sind, mobiles Arbeiten und Homeofficeregelungen, richten wir einen Krisenstab_Mitglieder ein und gehen am

Montagfrüh mit unseren Mitarbeitenden in unseren „DenkRaum“.

Der DenkRaum.

Der DenkRaum ist ein Format, das wir anwenden, um kreativ Probleme zu lösen.

Wir stellen uns drei Fragen:

– Was sind aktuell die größten Herausforderungen für unsere Mitglieder?

– Was sind mögliche Lösungen?

– Was sind die nächsten ganz konkreten Schritte?

MeisterTask.

Mit der App MeisterTask, einer Projektmanagement App, dokumentieren wir die Ergebnisse und richten eine Projektgruppe Kristenstab_Mitglieder ein.

Hier werden wir Mitgliederanfragen abarbeiten: „Offen – in Arbeit – Fertig.“

Workplace.

In Workplace organisieren wir inzwischen das Netz der Caritas im Bistum Essen, um schnelle Kommunikationskanäle zu haben und verschiedene Arbeitsgruppen sowie unsere Diözesanen Arbeitsgemeinschaften in den unterschiedlichen Arbeitsfeldern.

Hier können Gruppen auch unkompliziert Videochats durchführen. Und so richten wir für unseren Krisenstab eine entsprechende Gruppe ein, die unsere Arbeit kommunikativ begleiten wird.

Hotline, Corona-Mail und thematische Videokonferenzen.

Seit heute bieten wir auch eine Hotline für unsere Mitglieder an, das heißt unter einer speziellen Rufnummer oder per Mail können Mitglieder ihre Fragen an uns adressieren. Wir bearbeiten die Anfragen in unserer MeisterTask Gruppe und veröffentlichen die Ergebnisse in unserem Lobbyletter, damit alle daran teilhaben können.

Neu anbieten werden wir themenbezogene Videokonferenzen zu aktuellen Fragestellungen.

Zusammengefasst:

So weit, so gut.

Ich bin gespannt wie alles die nächsten Tage laufen wird. Die gesellschaftliche Herausforderung vor der wir stehen, ist jedenfalls enorm.

Wir lesen uns!

Und bis dahin: Bleibt gesund!

Veröffentlicht in Tagebuch

Über MeisterTask, CariEhre und unsere coolen Sekretärinnen.

Gähn.

Was für eine langweilige Methode habe ich damals nur eingeführt. Damals vor gut anderthalb Jahren als meine Arbeit in Essen begann.

Ich bat am Ende der Leitungs- und Hauskonferenz um ein Feedback, das aus einem Wort bestand.

Anfangs war das noch ganz witzig. Aber ich spürte, dass es sich bald erschöpfte.

Wie unsere Sekretärinnen den Laden von der Basis aufräumen.

Das war vergangenen Montag ganz anders. Unsere Sekretärinnen hatten an einer gemeinsamen Fortbildung mit anderen Sekretärinnen im Bistum teilgenommen und brachten von dort etwas Neues mit.

Abgesehen, dass sie uns belehrten, dass die klassische Sekretärin ausgedient hat und neben neuen Berufsbildern zukünftig auch Roboter namens Sofia und Goofie unsere Kollegen sein werden, erzählten sie von diesem virtuellen Feedback.

Es funktioniert mit der Methode Menti. Die Jugendarbeit kennt es wohl schon länger, aber für Sitzungen ist es auch ganz hervorragend geeignet.

Sie erzählten mit Begeisterung vom papierlosen Büro und belächelten sogar ein wenig, dass ich mir manches noch ausdrucken liesse. Und jetzt üben wir Wiedervorlage in der Cloud.

Was mich aber besonders ansprach: Unsere Führungskräfte probierten die neue Feedbackmethode gleich in der Leitungskonferenz aus und ihr Feedback ist ziemlich motivierend. Meine Stichwörter sind da eher hölzern im Gesamt der Wolke.

Wie moderne Beiräte heute arbeiten … #CariEhre

Wir haben einen kleinen Fonds, der innovative Projekte fördert. Unser Aufsichtsgremium, der Caritasrat, befindet über die Anträge. Empfehlungen spricht ein Beirat aus, der ehrenamtlich tätig ist.

Dafür haben wir bekannte Menschen aus der Bloggerszene Annette MertensHendrik Epe, Benedikt Geyer, Hannes Jähnert, Thomas Michl, Thomas Mampel angesprochen und sie haben sich sehr schnell dazu bereit erklärt, mitzumachen, weil sie am Thema Innovation und Weiterentwicklung der sozialen Arbeit interessiert sind. 

Wir haben uns 1x analog in Essen getroffen. Am Vorabend der eigentlichen Arbeitseinheit bewiesen die Beiräte bereits ihre Kreativität, in dem sie einen Namen kreierten, der das ganze Potential des Vorhabens in sich trägt und auch viel Raum für Phantasie lässt: CariEhre.

Uns war allen nicht klar wie wir die Arbeit organisieren sollten und das Treffen diente dazu, das heraus zu finden.

Völlig selbstorganisiert benutzen die Beiratsmitglieder Methoden wie Scrum und Kanban und innerhalb weniger Stunden waren die meisten To do´s erledigt und ein virtuelles Miteinander verabredet.

Der erste Antrag war ein Probelauf. Via Messenger Threema wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet. In einem Hang out kam der Beirat via Videokonferenz zusammen. Die Teilaufgaben wurden via MeisterTask abgearbeitet (App).

Das Ergebnis ist hervorragend.

Grüne Wiese.

Wenn wir unsere Geschäftsstelle auf der grünen Wiese neu aufstellen würden, wie sähe diese dann aus? Diese Methode haben wir benutzt, um unsere Meilensteine, Projekte und Arbeitsgruppen zu definieren.

Ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich nicht neu aufstellen muss, denn ich würde die Erfahrung und das Know How vieler erfahrener Leute nicht missen wollen. Aber wir müssen auch die Youngster fragen. Was wollen sie? Was fehlt ihnen? Wie sind wir ein cooler Arbeitgeber?

Wir haben in der Geschäftsstelle und im Verband noch das eine oder andere an Arbeit zu tun, um gut aufgestellt zu sein.

Die große Kunst wird darin bestehen, die Arbeitsbelastung zu senken und damit Mitarbeiter/innenzufriedenheit und eben auch Mitgliederzufriedenheit zu erhöhen.

Aktuell haben wir viel zu wenig Leute, um all die Aufgaben tun zu können, die die Satzung von uns verlangt. Was also tun? Zusammen mit unseren Mitgliedern haben wir ein Portfolio verabredet, auf dessen Basis wir nun Stellenprofile beschreiben werden, damit der/ die Einzelne weiß, was seine/ihre Aufgabe ist und was auch nicht.

Wir haben konkrete Massnahmen der Personal- und Organisationsentwicklung vereinbart, die in diesem Jahr konsequent umzusetzen sind. Gleichzeitig werden wir querarbeiten. Wir haben jetzt das virtuelle Netzwerk Workplace eingerichtet. Es ist datenschutzkonform und erlaubt eine schnelle virtuelle Vernetzung innerhalb der Geschäftsstelle und mit Externen.

Danke für’s Mitgehen!

Es ist nicht immer einfach, eine Chefin zu haben, die bloggt und twittert. Denn die wählt dann auch schon mal komische Überschriften wie man das in diesen Medien halt so macht.

Ich bin sehr dankbar, dass unsere Leute sich mehr oder weniger daran gewöhnt haben und wissen, dass nicht alles, was ich schreibe auch sofort umgesetzt wird. Aber es dient zur Inspiration. Nach innen und nach außen.

Noch besser ist, dass die Innovation von innen kommt. Zur Kultur wird. Freude macht. Begeistert und gegenseitig inspiriert.

Und ich muss allmählich aufpassen, dass ich nicht zur Langeweilerin werde.

 

 

 

 

Veröffentlicht in Tagebuch

Stuhlkreis war gestern. #NewWelfare

Im Raum sind ein paar wenige Tische kreuz und quer gestellt. Darum herum wurden wie zufällig ein paar Stühle gruppiert. Die Mondrian Quadrate unterhalb der hohen Fenster strahlen, weil sie endlich mal gesehen werden. Der Glaskubus, mit dem die Fenster den Raum umschließen, schafft Transparenz zwischen draußen und drinnen. Fast scheint man in den Ästen des Baumes zu sitzen.

Der Kirchturm des Doms ist hautnah.

Es ist mir als wenn der Raum neu geschaffen wäre, dabei kenne ich ihn seit Jahren. Aber durch das neue Setting eröffnet er völlig neue Perspektiven und es fällt mir wie Schuppen von den Augen:

Das ist sie, die neue Zeit!

New Welfare, keine Angst vor Anglizismen, die Internetsprache ist voll davon und häufig trifft es der englische Begriff besser als der Deutsche.

New Welfare heißt: die Wohlfahrtspflege erfindet sich gerade neu.

Und während ich durch die sozialdigitale Woche stolpere, scheint es mir, als würde das System gar neu geboren.

E-Mail ist out.

Der Internet-Speaker Norbert Barnikel hält den Teilnehmer/innen unseres Workshops für Entscheider/innen in Kirche und Caritas einen Spiegel vor Augen, der einem zeigt, in welcher Zeit man/frau technologisch stehen geblieben ist. 2005, 2013, 2015, 2020, 2025 … Ich musste feststellen, ich bin bei Weitem nicht meiner Zeit voraus. Und die Organisationen der Wohlfahrtspflege schon gar nicht.

Hierarchien und Abteilungsstrukturen sind out. High Performance Teams sind in.

Die E-Mail im internen Schriftverkehr ist out. Apps wie MeisterTask oder Threema sind in.

Leistung und Gehalt nach Zeit zu bemessen ist out. Leistung nach Produktivität zu messen ist in.

Die Nichtteilnahme an sozialen Netzwerken ist out. Das Leben ist social.

Stuhlkreis war gestern.

In dieser Woche arbeite ich erstmals mit den Methoden Scrum und Kanban. Gelbe Zettel werden an das Fenster geklebt und geclustert. Danach werden Themen priorisiert und in einem kurzen Zeitfenster bearbeitet. Auf dem Flipchart steht:

Thema – Wie – Erledigt.

Es gibt keinen echten Moderator. Vielleicht einen, der auf die Zeit achtet. Und eine/r, der die Methodik im Auge behält. Es ist eine Freude zu sehen, welche hochgradige Produktivität, Kreativität und Innovationsfähigkeit dadurch entsteht.

Im Expert/innenteam der Delegiertenversammlung haben wir Zukunftszenarien für die Familien-, Behinderten- und Altenhilfe entwickelt. Und für das Ehrenamt. Die Kunst ist, konsequent vom Nutzer/ von der Nutzerin her zu denken.

Welches Tool will ich im Jahr 2030 als Ehrenamtliche benutzen, um ein Ehrenamt zu finden.

Stuhlkreis war gestern. Meetings finden auch im Stehen statt.

Lerngemeinschaften sind in.

Niemand hat die Weisheit mit Löffeln gefressen. Viele verhalten sich aber noch so. Gemeinsam im Diskurs neue Erkenntnisse gewinnen. Wissen teilen. Shared Economy.

Stakeholder sind out. Fans, Follower, Freunde und User sind in. Wer nicht im Netz aktiv ist, wird nicht gesehen oder gefunden.

Das Netz ist die alte Adressenkartei. Ich gebe einen Namen ein und bin im Kontakt. Man verbindet sich zu Themen.

Umso wichtiger ist es, die im Blick zu halten, die keine Zugänge haben.

„Ich“ ist out. „Wir“ ist in.

Croudthinking entlastet unglaublich. Es ist eine Lerngemeinschaft. Jede/r erfährt etwas Neues. Warum bist Du da? Ist eine der Fragen. Warum bist Du heute hier? Was begeistert Dich? Was willst du lernen? Was glaubst Du beitragen zu können. Jede/r hat einen Mehrwert. Spannend auch als wir über die Kriterien für Innovation sprechen: eines soll sein, es darf scheitern! Fehlerkultur. Trotz aller Anstrengung wurden die Ziele nicht erreicht. Und die Frage ist warum. Und was können andere davon lernen.

Hashtags sind in.

New Welfare findet in der Bewegung statt. Meine BloggerCommunity, die jetzt neu unser Innovationsbeirat ist, trifft sich am Abend und geht durch Essen zum Essen. Auf dem Weg brainstormen die Fünf hashtags für unser Vorhaben. Auf die Liste kommt, was sie sehen.

Später landen wir im Hayati, einem von Flüchtlingen betriebenen Restaurant im Grillo-Theater. Die Launch hat schon ziemlichen LabCharakter.

Auf dem Nachhauseweg steht der hashtag: #CariEhre.

Fünf Menschen haben ohne mein Zutun einen hashtag gefunden, der treffender nicht ausdrücken könnte, was die soziale Arbeit der Caritas ausmacht.

Cariehre, CariEhre …

New Welfare ist social.

Das ist die neue Wohlfahrt. Sie hält sich nicht mehr an Verbandsgrenzen, sondern arbeitet wegen der gemeinsamen Sache begeistert zusammen und kollaboriert ganz selbstverständlich mit Start ups und Social Entrepreneurs.

Und nicht nur das. Es endet nicht dort. Sondern es greift in die Kunst-, Kultur- und Theaterszene. Wenn man sich an den Blogger/innen orientieren würde, dann ist alles denkbar und alles kann sich gegenseitig inspirieren.

Umso wichtiger ist es, die eigene Identität zu kennen. Den Kern. Den Ausgangspunkt.

 

Mehr zum Thema:

Es gibt keine Zufälle: Der deutsche Caritasverband präsentiert just an dem Tag, an dem das Expert/innenteam in unserem DigitalLabor im Haus der Caritas in Essen in Zukunftsszenarien denkt, die neue Jahreskampagne:

sozialbrauchtdigital.de

Wohlfahrtsverbände und neuer Start up Sektor wollen neue Lösungen entwickeln

Wir starten in Essen unser LAB:

DigitalExperte startet InnovationsLabor

und ich leiste hiermit einen

Beitrag zur Blogparade Soziale Innovation des Deutschen Roten Kreuzes.

… und noch etwas Nostalgie.

Und dann fühle ich historische Momente. 2012 habe ich angefangen zu bloggen. Ungefähr seit dem kenne ich Thomas Mampel und Hendrik Epe. Thomas hat uns beide inspiriert und wir uns dann nachher gegenseitig. Hendrik habe ich das erste Mal 2014 analog getroffen. Thomas das erste Mal vorgestern (!!). Trotzdem sind wir mit anderen wie Hannes Jähnert, Benededikt Geyer, Thomas Michl und Christian Müller über die Jahre eine Community geworden, die im Austausch ist und bloggend die soziale Arbeit weiter entwickelt. Als wir uns die letzten zwei Tage zu einem Austausch trafen, lag ein phantastischer Spirit in der Luft, der dieser Woche einen Punkt setzte.

 

 

Veröffentlicht in Tagebuch

Grosse Fußstapfen … so ein Quatsch!

Vor ein paar Jahren sagte mal jemand zu mir:

„ Sie treten in große Fußstapfen.“

Ich halte dieses Gerede über große Fußstapfen, mit Verlaub gesagt, für Quatsch. Denn jeder prägt seine Arbeit auf seine Weise. Es wird Menschen geben, die das großartig finden und welche, die es kritisieren.

Der Termin ist mitten rein gepurzelt.

Eine junge Frau möchte mit mir ein Interview für ihre Masterarbeit führen. Es geht um Erwerbsbiographien, Karrieren und den Begriff der Elite.

Ich soll einfach mal los plaudern.

Über die Kindheit, die Eltern, meinen Lebensweg.

Die Kunst, den eigenen (Führungs-)Stil zu finden.

Ich plaudere los und erinnere mich mit Erstaunen, dass ich mindestens über die ersten zehn Jahre meines Lebens sagen kann, dass ich ein sehr schüchternes, eher ängstliches, Kind gewesen bin. Das hatte ich schon beinahe vergessen.

Später war ich dann Klassen- und Schülersprecherin, ein Hinweis, dass ich Lust hatte, Führungsaufgaben zu übernehmen.

Aber auch mit 28 Jahren bei meinem Eintritt in die Caritas, hatte ich sehr viel Respekt vor der Institution, der Kirche, dem Umfeld.

Wohin es gehen sollte, wusste ich damals absolut nicht.

Und es war auch nicht wichtig.

Dann in den Folgejahren die Erfahrung: die Organisation braucht Leute wie mich, die quer denken, anders sind, das Establishment in Frage stellen.

So haben wir uns gegenseitig geprägt.

Ich kam damals für drei Jahre und blieb fast ein Vierteljahrhundert.

Die junge Frau fragt „Welche Charaktereigenschaften haben Sie?“

und „Welche Menschen haben Sie geprägt?“

Ist laut und gerne lachen eine Charaktereigenschaft? Manche wird es wahrscheinlich eher irritieren oder schockieren.

Irgendjemand hat über mich gesagt: „Ich mag Menschen.“ Ja, stimmt. Nicht alle. Aber fast.

Weitere Eigenschaften: Gestaltungsfreudig. Neugierig. Zukunftsorientiert.

Mich haben eine Hand voll Menschen geprägt und tun es bis heute. Menschen, die ich respektiere, weil sie authentisch ihre Überzeugung zum Ausdruck bringen, weil ich ihren Führungsstil großartig finde. Weil sie Herz haben und Menschlichkeit ausstrahlen. Dazu gehörten und gehören Frauen und Männer.

Wir lernen etwas zu tun, indem wir es tun.

John Holt, Pädagoge

Die erste Figur, die mich zutiefst und bis heute beeindruckt, war Pippi Langstrumpf. Dieses freche unabhängige Wesen, der ein Spaß mehr wert war als Disziplin und Ordnung. Auch, wenn ich glaube, dass ich eher eine Mischung aus Anika, ihrer Freundin, und Pippi Langstrumpf bin, hat sie die Entwicklung meines (Führungs-) Stils sehr gefördert.

Manchmal ermahne ich mich selbst ein bisschen: „Nun werde mal die Respektsperson, die Deinem Amt entspricht.“ Aber es hält meistens nicht lange an. Und allmählich scheine ich auch in der Zeit angekommen zu sein, wo dieser eher unübliche (Führungs-) Stil zeitgemäß geworden ist.

Die Interviewerin kommt mit dem Begriff Elite. Ob ich mich in meiner Position zur Elite zählen würde. Wow! So ein Begriff ist in der Caritas unüblich.

Eher ein Unwort.

Aber was ist Elite? Was bedeutet Elite für mich? Als ich über den Begriff nachdenke, kommt mir etwas ganz Altmodisches in den Sinn, was vielleicht zu dem Vorhergeschriebenen im Kontrast zu stehen scheint.

Elite bedeutet für mich: Gutes Benehmen.

Ein Mensch, der eine hohe Postion hat, hat eine besondere Verantwortung. Er ist ein Vorbild. Sein Verhalten hat Wirkung. Er sollte fair, höflich und achtsam im Umgang mit anderen sein.

Arbeiten ist, Kunstwerke zu schaffen.

Für mich war und ist meine Arbeit ein Kunstwerk. Ich knete, gestalte, werke und wirke und versuche das Bestmögliche aus dem heraus zu holen, das mir zur Verfügung steht.

Wie kann das sein? wird vielleicht mancher jetzt denken. Es geht doch um Geld, um Ressourcen, um Sicherheit und eben um all diese lauter ernsthaften Dinge.

Ja, geht es.

Und es geht um Zukunft. Und alle Komponenten gilt es qualifiziert zu verbinden. Es braucht Ideen, Leidenschaften und Kooperationen. Viele denken heute, wir könnten immer so weiter machen wie früher.

Aber die Zeiten sind vorbei.

Wir müssen etwas Neues schaffen. Und wie ein Künstler gibt es vielleicht eine Vision oder ein Bild wie das Neue aussehen kann, aber der Weg dorthin scheint noch unklar. Daher probieren wir eine Weile das Alte, das Bewährte. Aber das ist nicht die Lösung.

Wir müssen den Mut zum Neuen haben.

Wir müssen und dürfen Neues schaffen.

Jeder macht seine eigenen Fußstapfen und das ist gut so.

Auf das Gerede mit den großen Fußstapfen

habe ich damals geantwortet:

„Meine Nachfolger/innen auch.“

Meine Nachfolger/innen treten auch in große Fußstapfen, denn ich habe etwas Eigenes geschaffen, das meinem Stil entspricht. So wie andere das nach mir auch wieder tun und getan haben.

Denn irgendwann erschöpft sich auch der Stil des Besten/der Besten und dann braucht es einen anderen, einen neuen, Stil. Dann, wenn sich das Alte im Kreis dreht. Das habe ich bisher selten in meinem Leben gespürt, weil es in der jeweiligen Aufgabe immer viel zu tun gab. Aber mindestens 1x kam es vor, dass ich eine Aufgabe beendet habe und zwar ohne etwas Neues anzufangen.

Weil es einfach zu Ende war.

Ich konnte dieser Aufgabe keinen fruchtbaren Impuls mehr geben.

Die junge Frau erzählt mir am Schluss, dass sie selbst noch auf der Suche ist. Wieviel Beruf verkraftet eine Familie? Wie soll das Leben organisiert werden, wenn es doch so viele Möglichkeiten bereit hält?

Sie wird eigene Fußstapfen hinterlassen.

Und dann wird vielleicht eines Tages jemand zu ihr sagen: „Du hinterlässt große Fußstapfen …“

Aber das ist eigentlich Unsinn.

Das könnte Dich auch interessieren:

Was ist eigentlich ein Traumjob?

Über Amt, Aufgabe und Beruf