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Es ist Zeit, ein bisschen Glitzer auf das abgefuckte Coronajahr zu streuen.

Es ist Advent. Der Weihnachtsmann hämmert mit seinen Elfen in der Weihnachtswerkstatt an neuen Spielzeugen. Innovationen entstehen. Wir Katholiken sollen nicht an den Weihnachtsmann, sondern an den Nikolaus und das Christkind glauben. Egal wie. An den Weihnachtszauber glauben wir vielleicht seit unserer Kindheit alle gemeinsam. Und ich bin stets überrascht wie er immer wieder aufs Neue Einzug hält.

Die Umrisse des Neuen entstehen

Für unsere Klienten und Mitarbeitenden war es ein richtig schwieriges Jahr. Die drohende Ansteckungsgefahr, die aufwändigen und ungewohnten Belastungen durch Hygienekonzepte, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Dienste.

Wir befinden uns zudem noch mitten in einem Sanierungsprozess. Und das bedeutet Arbeit. Der Alltag besteht aus Telefonaten, VideoCalls, Vor-Ort-Besuchen, um das Gute und Bewährte abzusichern. Und aus Planungs-, Strategiegesprächen und Geldsuche, um das Neue entstehen zu lassen. Die Umrisse der neuen Caritas in Schleswig-Holstein werden sichtbar.

Joy to the world!!

Freude strahlt. Dieses Strahlen vermischt sich mit den Weihnachtslichtern, wenn ich sehe wie die Früchte unserer Arbeit den Teamgeist beleben und nach außen strahlen.

Ich bin unglaublich stolz auf unsere Führungskräfte der Caritas in Schleswig-Holstein, die mit einer Kraft und einem Esprit durch dieses Jahr führen.

Ich bin stolz auf unsere Fachkräfte in den Diensten und Einrichtungen, die mit vollem Herzen dabei sind.

Ich bin stolz auf unser Team in der Landesstelle, die vermeintlich ganz nebenbei und selbstorganisiert Innovationen produzieren, mitdenken, einen enormen Kraftakt vollziehen. Diese Energie strahlt aus.

Das ist Weihnachtszauber.

Zwischen SozialCamp und Werkstatt-Zukunft.

Der Alltag ist anstrengend und doch auch belebend. Und darüber hinaus zieht sich der alte Diskurs um die Frage der Zukunft der sozialen Arbeit wie ein roter Faden durch mein Leben

Das SozialCamp jährte sich dieser Tage zum 5. Mal und fand erstmalig digital statt. Das SozialCamp hat die Digitalisierung der Wohlfahrtsarbeit beschleunigt und mit seinen Format gezeigt, dass sich Menschen heute anders organisieren als (nur) in starren Hierarchieformen. Es ist ein Erfolg und stand für viele vergleichbare Formate Pate.

Wir sind in einem Club von Blogger*innen seit vielen Jahren auf der Suche nach Formaten, wo wir unseren Diskurs über die Weiterentwicklung der sozialen Arbeit fortführen können.

Ich habe mich daher über die Initiative von Hendrik gefreut, über ein neues Format nachzudenken, das zu dieser Diskussion beitragen kann. Und dank Corona sind wir auf den digitalen Werkraum-Zukunft gekommen.

„Das willst Du auch noch nebenher schaffen, hast Du noch nicht genug zu tun?“ Im Gegenteil, dieses neue Projekt gibt mir neue Energie und ist ein zusätzlicher Glitzer, der mir Hoffnung und Vorfreude auf das neue Jahr gibt!!

Und das ist doch mit Advent gemeint, oder? Hoffnung, Neuanfang, Aufbruch. Seien wir frohen Mutes! Und streuen wir ein wenig Glitzer auf dieses abgefuckte Coronajahr !!

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Über die ersten 100 Tage, gesunde Arbeit & Auszeiten.

Es war ein richtig heißer Sommer.

Unser junges Social Media Team postet gestern anlässlich meiner 112 Tage im Amt ein Fotoshooting, das wir nicht lange nach meinem Amtsantritt im hübschen Park unseres katholischen Campus in Kiel hatten und trotz meiner Predigten, dass doch die jungen Leute zu sehen sein sollten, zeigt es mich, die Landesleitung, die just an dem Tag am wenigsten darüber nachgedacht hat, was sie denn tragen soll und einfach versuchte, mit einem schwarzen Outfit gegen die Hitze zu kämpfen, die uns den ganzen Sommer schweißnass hatte arbeiten lassen.

100 Tage im neuen Amt.

Schnell google ich mal, was die ersten 100 Tage im neuen Amt erwartet wird, und stelle fest, so daneben habe ich wohl bisher nicht gelegen.

https://www.haufe-akademie.de/blog/themen/fuehrung-und-leadership/leseproben-fuehrung/neu-als-fuehrungskraft-die-ersten-100-tage-gestalten/

Auch nachzulesen in Vom Sorgenkind zur Modellregion. Übrigens tolle Reaktionen, die ich darauf erhielt, u.a von Eva Walling: „Spannender Artikel mit einer sehr stimmig erscheinenden Umsetzungsstrategie und -arbeit. Ich wünsche viel Erfolg. In 6 Monaten und ca 1 Jahr würden mich Überprüfungsergebnisse interessieren und zwar aus Sicht der Leitung und von Mitarbeitenden.“ auf Linked in.

Gesundes Arbeiten.

Während ich mich hier pudelwohl fühle, in meinem Blogbeitrag „Neue Wohlfahrt, was wäre, wenn wir nochmal ganz neu anfangen könnten?“ klingt es an, und auf ein Team treffe, das voller Be-Geisterung mitgeht, und gleich eine Reihe eigener Ideen einbringt und umsetzt, beschäftigt mich doch gleichzeitig ein Aspekt, der mir in einem der Bücher begegnet, die mir unser Berater der Caritas in Schleswig-Holstein, Gerd Skorupka, empfahl: „Wirksam entscheiden“, ein Handbuch für Führungskräfte in der Sozialwirtschaft. Ich entdecke diesen Aspekt im letzten Teil, in dem es um die Balanced Score Card als strategisches Entscheidungsinstrument geht.

Werte, Adressaten, Prozesse und Strukturen – natürlich alles wichtig, aber sind nicht ein wesentliches Merkmal, gerade in diesem Corona-Jahr, unsere eigenen Mitarbeiter*innen? Insbesondere deren Gesundheit? An diesem isolierten Aspekt bleibe ich bei der Lektüre hängen und vergleiche ihn mit der Motivation, dem Engagement, dem Überstundenzettel und dem Allgemeinbefinden unseres Teams.

Der Mensch ist mehr als sein Arbeitsleben. Lebenslust, Familie, Freunde, Freizeit, Urlaub … all das gehört dazu. Manchmal hält uns die Arbeit über Wasser, aber manchmal sind es Freunde und Familie, die einen durch saure Arbeitszeiten tragen. Alles zusammen macht den ganzen Menschen aus.

Lieben, leiden, lachen … gehört zum Menschsein dazu. Die 3 großenLs lassen sich nicht ausklammern.

Sie sind Teil des Arbeitslebens. Kolleg*innen sind Familie. Sie teilen sich Dir nicht nur mit, sie teilen auch Deine Sorgen, Deine Freuden, Deine Schwächen, Deine Eigenheiten.

Ein Team besteht aus vielen einzelnen Charakteren, die voller guter Überraschungen sind, wenn wir es zulassen.

Auszeiten.

Eine neue Aufgabe bringt Energie und kostet gleichzeitig Kraft. Veränderungen brauchen Zeiten, in denen sie verarbeitet werden können.

Seit vielen Jahren mache ich jeden Herbst ein Retreat. Einen Rückzug. Darüber habe ich auch schon geschrieben: Meditation in Zeiten von Disruption. Dabei nehme ich mir kein größeres Programm vor, sondern begebe mich an einen Ort, der mir Kraft gibt. In diesem Jahr ist das Fehmarn. Erstmalig eine Insel. Eine Insel, die neuerdings mein erster Wohnsitz ist, und auf der ich noch ankommen muss. Aber Fehmarn macht es mir einfach. Die Touristen sind weitgehend verschwunden und die Herbststürme setzen ein. Ich lasse mein Hirn durchpusten und der Hund und ich genießen die Weite, die Einsamkeit, die Ruhe.

Ich stelle die meisten Kanäle ab. Gar nicht so einfach. Mein Leben besteht schon aus vielen Plings in meinem Alltag. Ist das gut? Ist das schlecht? Die Ruhe ist jetzt gut. Und ab und an spinkse ich dann doch in die Kanäle.

Ich mache sehr einfache Dinge. Ich gehe mit dem Hund durch die Felder und am Meer entlang. Wir spielen im Herbstlaub. Ich koche neue Gerichte. Ich reflektiere und meditiere. Ich denke über dieses gigantische Jahr nach, das viel von uns gefordert hat und mir gleichzeitig einen neuen Weg wies.

Ich denke an die vielen neuen Begegnungen, ans Loslassen, an die faszinierende Natur der neuen Heimat, die den Menschen so klein erscheinen lässt und uns auf unsere Plätze verweist.

Ich denke an die (göttliche) Kraft, die mich hier her geführt hat.

Und an die neuen Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind.

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Vom Sorgenkind zur Modellregion.

Erinnert ihr Euch noch an den Paradigmenwechsel als aus der Aktion Sorgenkind die Aktion Mensch wurde? An dem Punkt stehen wir gerade bei der Caritas in Schleswig-Holstein.

Was gebraucht wird.

In meinen ersten Wochen habe ich mit vielen Menschen gesprochen und Einrichtungen besucht, um ein Gefühl für den Bedarf zu bekommen. Dabei haben sich zentrale Herausforderungen heraus kristallisiert:

Sichtbarkeit. Wer oder was ist eigentlich die Caritas in Schleswig-Holstein? Welches Profil ergibt sich aus den Diensten und Angeboten? Ein Sammelsurium oder eine Strategie? Vielfalt oder Kernkompetenz? Was auch immer: das Profil ist auch deswegen nicht erkennbar, weil das Angebot der Caritas in Schleswig-Holstein nicht sichtbar ist.

Kommunikation & Information. Eine dezentrale Organisation wie die Caritas in Schleswig-Holstein und die Caritas im Norden insgesamt leidet rein strukturell an Informationsdefiziten und einer unzureichenden Kommunikationskultur.

Schnelle Problemlösungen. Die Menschen vor Ort in der Praxis haben wenig bis gar keine Ressource sich um Aufgaben zu kümmern, die ausserhalb ihrer unmittelbaren Tätigkeit am Menschen liegen. Wenn Probleme auftauchen, sind sie darauf angewiesen, dass sie zügig gelöst werden.

Geld. Nicht nur durch Corona: die Mittel werden knapper. Der Bedarf an zusätzlichen Einnahmen steigt.

Angebote in der Fläche. Schleswig-Holstein ist ein Flächenland. Es ist das Land zwischen den Meeren. Während an der Ostsee bis hin nach Hamburg in den Ballungsräumen Angebote zu finden sind, tut sich an der Nordseeküste bisher wenig bis nichts.

Gezielte Interessenvertretung. Diskurs ja, Labergremien nein. Knappe Ressourcen erfordern Zielgenauigkeit. Und direkte Ansprache der Personen, die unterstützen können bzw gute Partner/innen sind.

Erste Schritte.

Social Media. Die Kanäle sind schnell eingerichtet. Die Wahl fiel auf Instragram (für die Jungen), Facebook (für die Älteren) und Twitter für die sozialpolitische Öffentlichkeitsarbeit. Wichtig ist, dass die Kanäle bespielt werden. Klasse daher, dass wir hier im Team begeisterte Menschen haben, die Lust haben, sich etwas auszudenken und zu befüllen. Ergebnis: Die Caritas Schleswig-Holstein wird sichtbarer.

Workplace und Newsletter. Die interne Kommunikation wird teilweise digitalisiert, um den Informationsaustausch zu fördern und zu vereinfachen. Das erfordert die Entwicklung neuer Kompetenzen im Umgang mit digitaler Technik, Social Media, und Informationsmanagement.

Agile Problemlösungen. Die Praxis braucht direkte Hilfe. Um die Arbeit gezielt hierauf auszurichten, braucht es noch mehr Praxiskenntnis, um flexibel auf die Anforderungen zu reagieren. Die Arbeit mit agilen Methoden wie dem Daily wird dieses Anliegen unterstützen.

Quelle: https://www.digitales-kompetenzzentrum-kiel.de/aktuelles/information/agile-projekttools-daily.html

Finanzkompetenz stärken und organisieren. Ein Schwerpunkt unserer Aufgaben in der Landesstelle sind Finanzen: Buchhaltung für unsere Einrichtungen und Zuschusswesen. Das werden wir ausbauen, um die Praxis vor Ort gezielt bei der Beschaffung von Geldern zu unterstützen.

Und was ist eigentlich die Aufgabe einer Landesleitung?

Da wir uns in Neu- und Umstrukturierungen befinden, ist auch das Aufgabenprofil meiner Stelle als Landesleitung zu überdenken. Gerade im Sanierungsprozess, in dem viele Aufgaben neu bewertet und überdacht werden müssen, habe ich mir die Frage gestellt: Braucht es überhaupt eine Landesleitung und wenn ja, welche Aufgaben fallen an? Stand heute: es braucht sie und sie hat fünf Kernaufgaben.

Den roten Faden im Blick behalten. Aufgaben beschreiben, bewerten, umsortieren, Besprechungen, Einzelgespräche, strategische Themen angehen, den Weg skizzieren, kommunizieren, korrigieren. Kurz: Leitung und Strategie.

Trüffel suchen und finden. Die Mittel werden knapper. Erträge müssen gesteigert werden. Als Landesleitung gehört es daher klar zu den Aufgaben, neue Gelder zu akquirieren und alternative Wege zu gehen, um Erträge zu steigern. Kurz: Mittelakquise.

Dem Wind of Change folgen. Wir leben in schnelllebigen Zeiten. Das einzige was bleibt, ist die Veränderung. Es gilt daher Trends zu erkennen und einzuordnen, um sie in erträglichem Maße für die Organisation nutzbar zu machen. Kurz: Veränderungsmanagement und Organisationsentwicklung.

Aus der Tradition heraus das Neue entwickeln. Not sehen und handeln halte ich auch nach all den Jahren für den besten Slogan und das exakte Leitbild, dem die Caritas folgen sollte. Er beschreibt ihren Kern. Gleichzeitig gilt es mit der Zeit zu gehen und die traditionellen Angebote upzudaten. Stichwort: Onlineberatung. Gerade eine Modellregion wird sich das Neue auf die Fahne schreiben. Das gilt es zu fördern und zu integrieren. Kurz: Innovationsmanagement

Kollaborieren. Traditionell besteht Verbandsarbeit aus Gremienarbeit. Auch diese gehören auf den Prüfstand. Welche sind wirksam? Wie lassen sich Ressourcen und Wege effektiver gestalten? Kurz: Netzwerken, verbandspolitische Öffentlichkeitsarbeit, gezielte Interessenvertretung.

Die grüne Wiese ist mein Symbol für Neuanfang, Experimente und Innovationen. Das Bild passt zum Flächenland Schleswig-Holstein. Wir werden hier Neues erproben, manches verwerfen und hoffentlich vieles optimieren. Adieu Sorgenkind! Welcome Modellregion. Die Veränderung beginnt mit dem Mindset oder schlicht: im Kopf!

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Neue Wohlfahrt: Was wäre, wenn wir nochmal ganz neu anfangen könnten?

Wenn man (oder frau) alle Tradition, alles bisher Bekannte & Vertraute einfach über Bord werfen würde und nochmal ganz neu anfangen könnte, was würde dann geschehen?

Ein wenig geht es uns doch gerade so nach den Lock & Shut Downs. Wir philosophieren und reflektieren darüber, was uns diese (ungewollte) Auszeit gebracht hat.

  • Was haben wir gelernt?
  • Auf was wollen wir für immer verzichten?
  • Was ist eigentlich das Wesentliche?

Gestrandet. Auf der grünen Wiese.

Auch mir persönlich geht es so. Eben noch mitten in den Ballungsräumen finde ich mich mit Beginn der Lockerungen in der Pandemie auf der grünen Wiese in den schönen Landschaften Schleswig-Holsteins wieder und darf nochmal ganz neu anfangen. Und zwar mit allem: wohnen, leben, arbeiten.

Als wir beim letzten #SozialCamp über die Grüne Wiese diskutiert haben, wusste ich noch nicht, dass sie mir bald so ganz real begegnen würde.

Dazu passt, dass wir letztlich, ohne es zunächst beabsichtigt zu haben, auf der Insel Fehmarn beheimatet sind, einer Insel, die wir vorher nicht kannten und die uns durch ihre unberührte Natur und ihre gigantische Landwirtschaft fasziniert.

Auch der Maler Ernst Ludwig Kirchner war von dem einfachen und sinnlichen Leben auf Fehmarn angezogen und schuf im Zeitraum von 1908 bis 1914 mehr als 120 Ölbilder. Bezeichnend ist, dass Kirchner zur Lebensreformbewegung gehörte, ein Oberbegriff, der für verschiedene soziale Reformbewegungen steht, die sich gegen Industrialisierung, Materialismus und Urbanisierung wandten.

Bezeichnend deswegen, weil dieses Umdenken auch dem Leben mit Corona gut täte. Das Soziale ist ohne das Nachhaltige, ohne Natur- und Umweltschutz, das Ökonomische ohne das Ökologische, nicht mehr zu denken. Hier auf Fehmarn, wo die Windräder leise surren und gleichzeitig ungeachtet jeglichen Artenschutzes durch den Bau des Fehmarnbelttunnels nach Dänemark ganze Wasserlebenswelten zerstört werden sollen, eröffnen sich die Zusammenhänge ganz unmittelbar.

Was ist wirklich wesentlich in Kirche, Gesellschaft, Caritas, Wohlfahrt? Eine Frage, die mich immer mehr beschäftigt. Nah an der Natur beim Hahnenschrei erwachend, in die Sonne blinzelnd, den Blick über die weiten Kornfelder streifend, in der kristallklaren Ostsee schwimmend Kirchner nur zu gut verstehend, der hier ähnlich glücklich gewesen und sich frei gefühlt haben muss.

Wohlfahrt neu denken.

Wo stehen wir nach dem Lock down mit Kirche, Caritas & co.? Wo stehen wir hier in Schleswig-Holstein? Wir stehen vor wenig. Es ist nicht nichts. Aber es ist wenig.

Es liegt nicht nur daran, dass die Caritas hier im Norden ein kleiner Player ist. Es liegt daran, dass das Geld knapp ist und durch die Coronakrise noch knapper geworden ist. Und es liegt daran, dass noch unklar ist, ob wir auf die aktuellen Zeiten die richtigen Antworten haben.

Und darin besteht gleichzeitig auch die Chance.

Der kleine katholische Campus in Kiel im Krusenrotter Weg mit der Liebfrauenkirche, dem Haus Damiano, einer franziskanischen Weggemeinschaft, dem katholischen Büro, der katholischen Jugend und dem Caritasverband eingebettet in einen hübschen Park mit sehr alten Bäumen und einem großen Teich scheint eine kleine Welt für sich.

Hier wie auch an den örtlichen Caritasstandorten im Land wirft der Lock down die Frage auf, was braucht es eigentlich (noch) an Wohlfahrt in der heutigen Gesellschaft gerade auch mit der aktuellen Pandemieerfahrung.

Was ist zu tun?

Ich bin ohne Agenda nach Kiel gekommen. Ohne Vision. Ich wollte offen sein für alles Neue. Ich wollte mich neu einfädeln in das Bestehende.

Wie gehe ich vor? In meinen ersten knappen vier Wochen erkunde ich im wahrsten Sinne des Wortes die Umgebung. Ich habe die Menschen um mich herum, das Team, die Einrichtungen und unsere Caritasstandorte, gefragt:

  • Was war bislang gut?
  • Was ist reformbedürftig?
  • Was macht die Caritas in Schleswig-Holstein aus?
  • Was braucht sie?
  • Was brauchen die Regionen?

Ich habe gelernt, unser Portfolio besteht aus:

  • Pflege (ambulant und stationär)
  • Kurkliniken
  • einem differenzierten Beratungsangebot bis hin zur Onlineberatung
  • Kitas, Jugendhilfe (stationär) und Eingliederungshilfe (stationär)
  • Fachverbände

Die Caritas im Norden ist Einrichtungsträger, Gesellschafter und Mitgliederverband.

Ich bin jetzt knapp vier Wochen da und habe viele Informationen gesammelt. Ich habe eine Reihe von Einrichtungen besucht, mit vielen Menschen gesprochen, mir ein Bild gemacht, erste Entscheidungen getroffen, die Finanzen studiert.

Konsequent von der Praxis her denken.

Haben die alten Gründer und Gründerinnen der Wohlfahrt am Reißbrett gestanden und die Praxis geplant? Ganz klar: nein! Die Initiativen, Projekte, Vereine entstanden, um Not in ihrer unmittelbare Umgebung zu lindern. Sie entstanden, weil ein Bedarf da war und, weil ein paar Engagierte, häufig Ehrenamtliche, sich zusammen taten, um den Bedarf zu decken. Das Netzwerk vor Ort ist entscheidend. Der Bügermeister, der Kommunalpolitiker, der Unternehmer, der Pastor (oder die Bürgermeisterin, Politikerin, Unternehmerin, Pastorin … )

Was ist der Bedarf in Schleswig-Holstein? Die aktuelle Kinderarmutsstudie der Bertelsmannstiftung hat gerade ein paar alarmierende Zahlen veröffentlicht.

Demnach liegt die Quote in manchen Ballungsräumen doppelt so hoch als der Landesdurchschnitt. Der Bedarf ist also da.

Not sehen und handeln, was tun und was nicht lassen?

Die Antwort ist: wir müssen konsequent von der Praxis her denken. Was braucht die Praxis, damit sie gut arbeiten kann. Was müssen andere Ebenen bereit halten und was auch nicht?

Es ist wieder wie zu den Gründerzeiten der Verbände: Die Aufgabe wird sein, der örtlichen Praxis den bestmöglichen Rahmen zu schaffen und auf der höheren Ebene exakt die Dienstleistungen bereit zu halten, die sie benötigen. Für alles andere ist kein Geld da.

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Verbandliches Handeln neu denken.

Am Vorabend meines Geburtstages Anfang Februar begegnete mir die Stelle „Landesleitung Schleswig-Holstein“ in den sozialen Medien (Instagram).

Da mein Mann und ich schon länger mit dem Gedanken spielen, an die Ostsee umzusiedeln, finden dortige Angebote schon mal meine Aufmerksamkeit.

Diese Ausschreibung weckt auch deswegen mein Interesse, weil wir in der Caritas im Rahmen eines Projektes „Verbandliches Handeln neu denken“ festgestellt haben, dass der Landesebene neben der Bundes- und kommunalen Ebene, eine wichtige Bedeutung zu kommt. Die Caritas als kirchlicher Wohlfahrtsverband ist jedoch auf Bistumsebene organisiert und Bistumsgrenzen decken sich, historisch gewachsen, nicht mit den Grenzen der Bundesländer.

Die Länderebene organisieren.

Die Diözesanen Caritasverbände (DiCVe) haben in den Bundesländern unterschiedliche Lösungen entwickelt, ihre Arbeit auf Landesebene zu organisieren. So gibt es in Bayern einen Landescaritasverband, in Niedersachsen ein gemeinsames Landesbüro und in NRW thematisch organisierte Konferenzstrukturen.

Hinzu kommt, dass die DiCVe bundesweit selbst auch unterschiedlich organisiert sind. Es gibt klassische Dachverbände und damit Mitgliederverbände wie es beispielsweise in NRW der Fall ist. Andere sind selbst Einrichtungsträger und bewegen sich dabei sowohl auf kommunaler als auch Landesebene, so in Bayern.

Der Verband in Essen ist ein klassischer Dachverband. Meine Aufgabe in Essen habe ich darin gesehen, ihn zu einem guten Dienstleister für unsere Mitglieder weiter zu entwickeln. Entsprechend haben auch diese strategischen Themen die Agenda bestimmt.

Die ehemaligen Ortscaritasverbände und Diözesan-Caritasverbände im Erzbistum Hamburg sind 2018 fusioniert und unter einem Dach, der Caritas im Norden, zusammengeführt worden. Heute ist der DiCV Hamburg mit Sitz in Schwerin in 3 Bundesländern tätig. Er ist Träger von 180 Einrichtungen und Diensten in 9 Regionen (früher Ortscaritasverbände). 5 davon sind in Schleswig-Holstein: Kiel, Lübeck, Flensburg, Neumünster und Itzehoe. Die Übrigen sind Hamburg, Schwerin, Rostock und Neubrandenburg.

Das Erzbistum Hamburg erstreckt sich also über drei Bundesländer: Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg. Flächenmäßig ist es mit 32.520 Quadratkilometern das größte Bistum. Die Katholikenzahl beläuft sich auf knapp 400.000 und damit ist es im Ranking der 27 Bistümer das siebtkleinste Bistum. In Schleswig-Holstein macht die Zahl der Katholiken 6% an der Gesamtbevölkerung aus.

Von der örtlichen Praxis her denken.

Die übergeordneten Ebenen sollen Dienstleister der örtlichen Praxis sein. Klassisches Subsidiaritätsprinzip: die prinzipielle Nachrangigkeit der nächst höheren Ebene. In der Caritas ist die Verinnerlichung dieser Erkenntnis eine kleine Revolution, denn noch denkt und atmet der Verband wie seine katholische Kirche an vielen Stellen streng hierarchisch. Top Down sticht Bottom up.

Dabei sind die Wohlfahrtsverbände Bottom up entstanden. Kleine, häufig ehrenamtlich organisierte, Initiativen bildeten sich, um Menschen in Not zu helfen. Da diese kleinen Vereine aber oft nicht die Struktur, Ressource und Power hatten, um sich für geeignete Rahmenbedingungen einzusetzen, entstanden Verbandsstrukturen.

Gerade die Coronakrise hat gezeigt, dass die unmittelbare Praxis in den Krankenhäusern, der Pflege, den Kitas und Einrichtungen der Jugend- und Eingliederungshilfe im Mittelpunkt stehen muss. Die Aufgabe der höheren Ebenen ist hier eine dienende Funktion: sich um Schutzmaterialien zu kümmern, Rettungsschirme zu organisieren und mit Partnern auf Land- und Bundesebene Lösungen für jeweils tagesaktuelle Herausforderungen zu entwickeln.

Agil, digital, experimentierfreudig sein!

Mich persönlich hat diese neue Struktur neugierig gemacht und die Verantwortung für die Landesebene, die gleichzeitig auch für die Ortsebene im jeweiligen Bundesland zuständig ist, angesprochen.

Im Projekt gab es noch weitere zentrale Erkenntnisse:

  • Es braucht neue Formen der Themen-Identifizierung und -Bearbeitung: Es gilt zwischen verbandlichen Akteuren schneller, unmittelbarer und intensiver zu kommunizieren. Digitale Instrumente und virtuelle Plattformen sollen systematisch und gezielt eingesetzt werden.
  • Das eine bedingt das andere: Die Erkenntnis, dass die alten Gremien- und Konferenzstrukturen nicht mehr den aktuellen Anforderungen entsprechen führt zu der Empfehlung, Konferenzstrukturen in Hinblick auf Wirksamkeit und Effizienz zu überarbeiten. Dies wiederum kann mit digitalen Tools unterstützt werden. Gleichzeitig ist es aber auch der Hinweis, Teams ebenenübergreifend und nach Kompetenzen zu besetzen.
  • Last but not least und das Gegenteil von abschließend: Verbandliche Entwicklung ist ein permanenter Prozess: Mut zum Experiment haben!

Es geht also darum, Wohlfahrt bzw. Caritas insgesamt agiler, praxisorientierter und digitaler zu entwickeln.

Die Coronakrise hat die Umsetzung der Erkenntnisse beschleunigt: Videokonferenzen gehören nun zu den obligatorischen Tools, die zügige Bearbeitungen ermöglichen. Externe Gesprächspartner können leicht und einfach dazu geschaltet werden.

Es geht im Kleinen wie im Grossen darum wie verbandliche Arbeit sich entwickelt. Die traditionelle Wohlfahrtspflege entwickelt sich weiter. Sparzwänge verändern die traditionelle Arbeit, aber in ihnen liegt auch eine Chance, weil es gilt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Neue Abenteuer wagen.

Wir waren mit Geburtstagsgästen auf der Insel und gegen Mittag brachen meine Freundin und ich mit den Hunden zu einem längeren Spaziergang auf. Wir kehrten in einer Strandbar am Meer ein und philosophierten am Kaminofen in tiefen Ledersesseln über das Leben.

„Was wäre für Dich ein echtes Abenteuer? Ich wurde letztens gefragt, aber mir fiel nichts ein. Fällt Dir etwas ein?“

Ohne zu zögern antwortete ich: „Nach Kiel zu gehen.“ Und dann erzählte ich von der Stelle und plötzlich reifte in mir der Gedanke, dass es interessant sein könnte, diese neue Aufgabe mitzugestalten und zu entwickeln.

Kiel ist nicht Essen. Die oben beschriebenen Herausforderungen sind andere. Der Verband ist in einem Prozess. Ich werde viel zu lernen haben. Vor allem von der Praxis, um zu verstehen, wo meine Kompetenzen und meine Erfahrungen gebraucht werden.

Darauf freue ich mich!

Zum Weiterlesen:

Was ist eigentlich ein Traumjob?

Große Fußstapfen – so ein Quatsch!

Wer führt in die neue Zeit?