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Vom Sorgenkind zur Modellregion.

Erinnert ihr Euch noch an den Paradigmenwechsel als aus der Aktion Sorgenkind die Aktion Mensch wurde? An dem Punkt stehen wir gerade bei der Caritas in Schleswig-Holstein.

Was gebraucht wird.

In meinen ersten Wochen habe ich mit vielen Menschen gesprochen und Einrichtungen besucht, um ein Gefühl für den Bedarf zu bekommen. Dabei haben sich zentrale Herausforderungen heraus kristallisiert:

Sichtbarkeit. Wer oder was ist eigentlich die Caritas in Schleswig-Holstein? Welches Profil ergibt sich aus den Diensten und Angeboten? Ein Sammelsurium oder eine Strategie? Vielfalt oder Kernkompetenz? Was auch immer: das Profil ist auch deswegen nicht erkennbar, weil das Angebot der Caritas in Schleswig-Holstein nicht sichtbar ist.

Kommunikation & Information. Eine dezentrale Organisation wie die Caritas in Schleswig-Holstein und die Caritas im Norden insgesamt leidet rein strukturell an Informationsdefiziten und einer unzureichenden Kommunikationskultur.

Schnelle Problemlösungen. Die Menschen vor Ort in der Praxis haben wenig bis gar keine Ressource sich um Aufgaben zu kümmern, die ausserhalb ihrer unmittelbaren Tätigkeit am Menschen liegen. Wenn Probleme auftauchen, sind sie darauf angewiesen, dass sie zügig gelöst werden.

Geld. Nicht nur durch Corona: die Mittel werden knapper. Der Bedarf an zusätzlichen Einnahmen steigt.

Angebote in der Fläche. Schleswig-Holstein ist ein Flächenland. Es ist das Land zwischen den Meeren. Während an der Ostsee bis hin nach Hamburg in den Ballungsräumen Angebote zu finden sind, tut sich an der Nordseeküste bisher wenig bis nichts.

Gezielte Interessenvertretung. Diskurs ja, Labergremien nein. Knappe Ressourcen erfordern Zielgenauigkeit. Und direkte Ansprache der Personen, die unterstützen können bzw gute Partner/innen sind.

Erste Schritte.

Social Media. Die Kanäle sind schnell eingerichtet. Die Wahl fiel auf Instragram (für die Jungen), Facebook (für die Älteren) und Twitter für die sozialpolitische Öffentlichkeitsarbeit. Wichtig ist, dass die Kanäle bespielt werden. Klasse daher, dass wir hier im Team begeisterte Menschen haben, die Lust haben, sich etwas auszudenken und zu befüllen. Ergebnis: Die Caritas Schleswig-Holstein wird sichtbarer.

Workplace und Newsletter. Die interne Kommunikation wird teilweise digitalisiert, um den Informationsaustausch zu fördern und zu vereinfachen. Das erfordert die Entwicklung neuer Kompetenzen im Umgang mit digitaler Technik, Social Media, und Informationsmanagement.

Agile Problemlösungen. Die Praxis braucht direkte Hilfe. Um die Arbeit gezielt hierauf auszurichten, braucht es noch mehr Praxiskenntnis, um flexibel auf die Anforderungen zu reagieren. Die Arbeit mit agilen Methoden wie dem Daily wird dieses Anliegen unterstützen.

Quelle: https://www.digitales-kompetenzzentrum-kiel.de/aktuelles/information/agile-projekttools-daily.html

Finanzkompetenz stärken und organisieren. Ein Schwerpunkt unserer Aufgaben in der Landesstelle sind Finanzen: Buchhaltung für unsere Einrichtungen und Zuschusswesen. Das werden wir ausbauen, um die Praxis vor Ort gezielt bei der Beschaffung von Geldern zu unterstützen.

Und was ist eigentlich die Aufgabe einer Landesleitung?

Da wir uns in Neu- und Umstrukturierungen befinden, ist auch das Aufgabenprofil meiner Stelle als Landesleitung zu überdenken. Gerade im Sanierungsprozess, in dem viele Aufgaben neu bewertet und überdacht werden müssen, habe ich mir die Frage gestellt: Braucht es überhaupt eine Landesleitung und wenn ja, welche Aufgaben fallen an? Stand heute: es braucht sie und sie hat fünf Kernaufgaben.

Den roten Faden im Blick behalten. Aufgaben beschreiben, bewerten, umsortieren, Besprechungen, Einzelgespräche, strategische Themen angehen, den Weg skizzieren, kommunizieren, korrigieren. Kurz: Leitung und Strategie.

Trüffel suchen und finden. Die Mittel werden knapper. Erträge müssen gesteigert werden. Als Landesleitung gehört es daher klar zu den Aufgaben, neue Gelder zu akquirieren und alternative Wege zu gehen, um Erträge zu steigern. Kurz: Mittelakquise.

Dem Wind of Change folgen. Wir leben in schnelllebigen Zeiten. Das einzige was bleibt, ist die Veränderung. Es gilt daher Trends zu erkennen und einzuordnen, um sie in erträglichem Maße für die Organisation nutzbar zu machen. Kurz: Veränderungsmanagement und Organisationsentwicklung.

Aus der Tradition heraus das Neue entwickeln. Not sehen und handeln halte ich auch nach all den Jahren für den besten Slogan und das exakte Leitbild, dem die Caritas folgen sollte. Er beschreibt ihren Kern. Gleichzeitig gilt es mit der Zeit zu gehen und die traditionellen Angebote upzudaten. Stichwort: Onlineberatung. Gerade eine Modellregion wird sich das Neue auf die Fahne schreiben. Das gilt es zu fördern und zu integrieren. Kurz: Innovationsmanagement

Kollaborieren. Traditionell besteht Verbandsarbeit aus Gremienarbeit. Auch diese gehören auf den Prüfstand. Welche sind wirksam? Wie lassen sich Ressourcen und Wege effektiver gestalten? Kurz: Netzwerken, verbandspolitische Öffentlichkeitsarbeit, gezielte Interessenvertretung.

Die grüne Wiese ist mein Symbol für Neuanfang, Experimente und Innovationen. Das Bild passt zum Flächenland Schleswig-Holstein. Wir werden hier Neues erproben, manches verwerfen und hoffentlich vieles optimieren. Adieu Sorgenkind! Welcome Modellregion. Die Veränderung beginnt mit dem Mindset oder schlicht: im Kopf!

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Verbandliches Handeln neu denken.

Am Vorabend meines Geburtstages Anfang Februar begegnete mir die Stelle „Landesleitung Schleswig-Holstein“ in den sozialen Medien (Instagram).

Da mein Mann und ich schon länger mit dem Gedanken spielen, an die Ostsee umzusiedeln, finden dortige Angebote schon mal meine Aufmerksamkeit.

Diese Ausschreibung weckt auch deswegen mein Interesse, weil wir in der Caritas im Rahmen eines Projektes „Verbandliches Handeln neu denken“ festgestellt haben, dass der Landesebene neben der Bundes- und kommunalen Ebene, eine wichtige Bedeutung zu kommt. Die Caritas als kirchlicher Wohlfahrtsverband ist jedoch auf Bistumsebene organisiert und Bistumsgrenzen decken sich, historisch gewachsen, nicht mit den Grenzen der Bundesländer.

Die Länderebene organisieren.

Die Diözesanen Caritasverbände (DiCVe) haben in den Bundesländern unterschiedliche Lösungen entwickelt, ihre Arbeit auf Landesebene zu organisieren. So gibt es in Bayern einen Landescaritasverband, in Niedersachsen ein gemeinsames Landesbüro und in NRW thematisch organisierte Konferenzstrukturen.

Hinzu kommt, dass die DiCVe bundesweit selbst auch unterschiedlich organisiert sind. Es gibt klassische Dachverbände und damit Mitgliederverbände wie es beispielsweise in NRW der Fall ist. Andere sind selbst Einrichtungsträger und bewegen sich dabei sowohl auf kommunaler als auch Landesebene, so in Bayern.

Der Verband in Essen ist ein klassischer Dachverband. Meine Aufgabe in Essen habe ich darin gesehen, ihn zu einem guten Dienstleister für unsere Mitglieder weiter zu entwickeln. Entsprechend haben auch diese strategischen Themen die Agenda bestimmt.

Die ehemaligen Ortscaritasverbände und Diözesan-Caritasverbände im Erzbistum Hamburg sind 2018 fusioniert und unter einem Dach, der Caritas im Norden, zusammengeführt worden. Heute ist der DiCV Hamburg mit Sitz in Schwerin in 3 Bundesländern tätig. Er ist Träger von 180 Einrichtungen und Diensten in 9 Regionen (früher Ortscaritasverbände). 5 davon sind in Schleswig-Holstein: Kiel, Lübeck, Flensburg, Neumünster und Itzehoe. Die Übrigen sind Hamburg, Schwerin, Rostock und Neubrandenburg.

Das Erzbistum Hamburg erstreckt sich also über drei Bundesländer: Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg. Flächenmäßig ist es mit 32.520 Quadratkilometern das größte Bistum. Die Katholikenzahl beläuft sich auf knapp 400.000 und damit ist es im Ranking der 27 Bistümer das siebtkleinste Bistum. In Schleswig-Holstein macht die Zahl der Katholiken 6% an der Gesamtbevölkerung aus.

Von der örtlichen Praxis her denken.

Die übergeordneten Ebenen sollen Dienstleister der örtlichen Praxis sein. Klassisches Subsidiaritätsprinzip: die prinzipielle Nachrangigkeit der nächst höheren Ebene. In der Caritas ist die Verinnerlichung dieser Erkenntnis eine kleine Revolution, denn noch denkt und atmet der Verband wie seine katholische Kirche an vielen Stellen streng hierarchisch. Top Down sticht Bottom up.

Dabei sind die Wohlfahrtsverbände Bottom up entstanden. Kleine, häufig ehrenamtlich organisierte, Initiativen bildeten sich, um Menschen in Not zu helfen. Da diese kleinen Vereine aber oft nicht die Struktur, Ressource und Power hatten, um sich für geeignete Rahmenbedingungen einzusetzen, entstanden Verbandsstrukturen.

Gerade die Coronakrise hat gezeigt, dass die unmittelbare Praxis in den Krankenhäusern, der Pflege, den Kitas und Einrichtungen der Jugend- und Eingliederungshilfe im Mittelpunkt stehen muss. Die Aufgabe der höheren Ebenen ist hier eine dienende Funktion: sich um Schutzmaterialien zu kümmern, Rettungsschirme zu organisieren und mit Partnern auf Land- und Bundesebene Lösungen für jeweils tagesaktuelle Herausforderungen zu entwickeln.

Agil, digital, experimentierfreudig sein!

Mich persönlich hat diese neue Struktur neugierig gemacht und die Verantwortung für die Landesebene, die gleichzeitig auch für die Ortsebene im jeweiligen Bundesland zuständig ist, angesprochen.

Im Projekt gab es noch weitere zentrale Erkenntnisse:

  • Es braucht neue Formen der Themen-Identifizierung und -Bearbeitung: Es gilt zwischen verbandlichen Akteuren schneller, unmittelbarer und intensiver zu kommunizieren. Digitale Instrumente und virtuelle Plattformen sollen systematisch und gezielt eingesetzt werden.
  • Das eine bedingt das andere: Die Erkenntnis, dass die alten Gremien- und Konferenzstrukturen nicht mehr den aktuellen Anforderungen entsprechen führt zu der Empfehlung, Konferenzstrukturen in Hinblick auf Wirksamkeit und Effizienz zu überarbeiten. Dies wiederum kann mit digitalen Tools unterstützt werden. Gleichzeitig ist es aber auch der Hinweis, Teams ebenenübergreifend und nach Kompetenzen zu besetzen.
  • Last but not least und das Gegenteil von abschließend: Verbandliche Entwicklung ist ein permanenter Prozess: Mut zum Experiment haben!

Es geht also darum, Wohlfahrt bzw. Caritas insgesamt agiler, praxisorientierter und digitaler zu entwickeln.

Die Coronakrise hat die Umsetzung der Erkenntnisse beschleunigt: Videokonferenzen gehören nun zu den obligatorischen Tools, die zügige Bearbeitungen ermöglichen. Externe Gesprächspartner können leicht und einfach dazu geschaltet werden.

Es geht im Kleinen wie im Grossen darum wie verbandliche Arbeit sich entwickelt. Die traditionelle Wohlfahrtspflege entwickelt sich weiter. Sparzwänge verändern die traditionelle Arbeit, aber in ihnen liegt auch eine Chance, weil es gilt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Neue Abenteuer wagen.

Wir waren mit Geburtstagsgästen auf der Insel und gegen Mittag brachen meine Freundin und ich mit den Hunden zu einem längeren Spaziergang auf. Wir kehrten in einer Strandbar am Meer ein und philosophierten am Kaminofen in tiefen Ledersesseln über das Leben.

„Was wäre für Dich ein echtes Abenteuer? Ich wurde letztens gefragt, aber mir fiel nichts ein. Fällt Dir etwas ein?“

Ohne zu zögern antwortete ich: „Nach Kiel zu gehen.“ Und dann erzählte ich von der Stelle und plötzlich reifte in mir der Gedanke, dass es interessant sein könnte, diese neue Aufgabe mitzugestalten und zu entwickeln.

Kiel ist nicht Essen. Die oben beschriebenen Herausforderungen sind andere. Der Verband ist in einem Prozess. Ich werde viel zu lernen haben. Vor allem von der Praxis, um zu verstehen, wo meine Kompetenzen und meine Erfahrungen gebraucht werden.

Darauf freue ich mich!

Zum Weiterlesen:

Was ist eigentlich ein Traumjob?

Große Fußstapfen – so ein Quatsch!

Wer führt in die neue Zeit?

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Zum Welttag der Armen: Caritas muss manchmal lästig sein.

Die katholische Kirche feiert morgen zum dritten Mal den Welttag der Armen. Der Tag wurde durch Papst Franziskus angeregt, denn tätige Nächstenliebe gehört zum Kernauftrag des Evangeliums. Der Platz der Caritas ist an der Seite der Armen.

„In den Armen finde ich Gott.“ sagte die heilige Elisabeth, deren Gedenktag wir am 19. November begehen. Elisabeth gab, was sie besass, um es mit den Bedürftigen zu teilen und erbaute bereits mit 21 Jahren ein Hospital.

„Elisabeth fiel auf. Was da in Marburg passierte, überstieg jedes Verständnis. Sie wollte die Forderungen der Heiligen Schrift, von Christus geboten, wörtlich erfüllen.“

Günter Berghaus

Sie war keine sanfte Heilige. Ihr wurde über die Zeit sogar vorgeworfen, dass sie eine Vorläuferin des Sozialismus sei. Ihre Tätigkeit hat sicher sozialreformatorische Bedeutung wie die vieler katholischer Männer und Frauen, die sich über die Jahrhunderte für bessere Bildungs- und Teilhabechancen engagierten.

Auch heute wird der Kirche manchmal vorgeworfen, sie mische sich zu sehr in politisches Geschehen ein. Aber das gehört zu ihrem Auftrag. Dabei ist sie jedoch nicht parteipolitisch. Aufgabe der Caritas ist es, darauf zu achten, dass sich der Auftrag des Evangeliums erfüllt. Umgekehrt ist es Aufgabe der Parteien zu bestimmen wie stark sie sich dem Auftrag des Evangeliums verpflichtet fühlen.

Elisabeths Vorbild steht dafür, dass Kirche sich einmischen muss. Es ist ihr Auftrag auf Missstände hinzuweisen und auf bessere Rahmenbedingungen für benachteiligte Menschen hinzuwirken.

Wenn die Lebensverhältnisse der Menschen existenzsicher sind, steigt auch das Interesse an Bildung und Demokratie. Deswegen legen wir als Caritas schonmal den Finger in die Wunden, wenn Gesetze für Kinder und Jugendliche, Menschen mit Behinderung, arme, kranke und alte Menschen diesen Anforderungen nicht entsprechen.

Es stärkt den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft, dass wir Teil einer lebendigen Zivilgesellschaft sind und uns für die Megathemen unserer Zeit, die Zukunft der Pflege, der Arbeit, von der man leben kann, leistbaren Wohnraum, oder Anliegen wie Kinderarmut und Altersarmut engagieren.

“So ist es unsere Berufung, ein Feuer zu sein, das sich in kleinen Funken versprüht und alles anzündet, was ihm unterwegs an Brennbarem begegnet.”

Madeleine Delbrêl