Veröffentlicht in Soziale Arbeit 4.0

Nichts wird mehr wie vorher sein: Wie die aktuelle Krise die soziale Arbeit verändert.

Oh Gott, sie hat das Wort Krise in den Mund genommen. Das soll man doch nicht, ist doch nicht politisch korrekt. Wie konnte sie das nur tun! Aber was bedeutet das Wort Krise eigentlich? „Höhepunkt, Wendepunkt einer gefährlichen Lage; entscheidender Abschnitt einer schwierigen Situation“ steht im Duden. Also, alles ist gut. Denn jetzt befinden wir uns wahrscheinlich, hoffentlich, am Wendepunkt. Krisenhaft sind nicht die Zuwanderer, die in unser Land kommen. Krisenhaft sind unsere gesellschaftlichen Voraussetzungen und unsere gesellschaftlichen Systeme, die nicht ausreichend schnell auf die Veränderungen reagieren können.

Was ist passiert? Täglich erreichen viele tausend Menschen das Land. Menschen auf der Flucht. Zuwanderer. Junge Menschen und ihre Familien. Angesichts der Demografie Deutschlands eigentlich gar nicht so schlecht. Und Deutschlands junge Menschen zeigen ein wohltuendes Gesicht einer freundlichen Willkommenskultur! Denn sie sind engagiert, gebildet, kennen sich durch Auslandsaufenthalte in der Welt aus. Sie sind neugierig und offen und die vermeintlichen Fremden sind gar nicht so fremd, da die Welt globaler, näher aneinander gerückt, schlicht bekannt ist.

Diese jungen Menschen zeigen uns, wo es lang geht. Die ganze Theorie über die Generation Y wird plötzlich zur erfolgreichen Praxis.

Das aber hat Auswirkungen auf unsere Systeme, denn die schleppen da noch etwas hinterher. Die Unkompliziertheit des jugendlichen Welcomes, der damit einhergehende Schwung, hat die Systeme, die die Krise zu bewältigen haben, noch nicht erreicht. Hier herrschen noch andere Kulturen. Aber von einem Tag auf den anderen müssen wir, schon länger in Deutschland Lebenden, uns umstellen, insbesondere die Systeme, die gerade dabei sind, in der aktuellen Notsituation professionelle Hilfe zu leisten, und die Systeme, die dabei sind, den Inklusionsprozess vorzubereiten. Gerade in der Kinder- und Jugendhilfe sind hier gute Gelingenschancen. Denn Kinder- und Jugendliche betrachten einander als Kinder- und Jugendliche ungeachtet ihrer kulturellen Herkunft.

Von jungen Menschen lernen

Jetzt müssen nur noch die Systeme hinter her kommen. Und wie? Tja, da gilt es wohl ein paar Versäumnisse auf zu holen.

  • Sich thematisch real und virtuell vernetzen.
  • Interreligiöse und interkulturelle Kompetenzen ausbilden.
  • Arbeitsfeldübergreifend zusammen arbeiten.
  • Neue Formen von adhoc Treffen beflügeln
  • Menschen zusammen bringen, die zusammen arbeiten wollen.

Soziale Arbeit der (nahen) Zukunft

Und wie wird also die Zukunft aussehen? So wie es manche Experten schon länger voraussagen, aber alles wird ein wenig schneller gehen.

  • Bildung wird modularer, digitaler und individueller.
  • Organisationen werden bunter.
  • Soziale Arbeit wird vernetzter und projektierter.
  • Qualitätssicherung wird eine Renaissence erleben.
  • Kreative Lernende Organisationen werden Change Maker.

Die deutschen Jugendhilfe- und Bildungsstrukturen sind gerade jetzt der Garant und der Erfolgsfaktor. Ohne sie wird der notwendige Inklusionsprozess nicht gelingen. Die erfahrenen Mitarbeitenden werden gebraucht, die mit einer gewissen Ruhe Ordnung hereinbringen können und, wenn sie sich gleichzeitig dem Schwung der Jüngeren öffnen, wird ein frischer Wind durch die Organisationen wehen, der aus der Krise eine gelingende Zukunft, anders, moderner und wohlmöglich noch effizienter, wachsen lässt.

 

 

Veröffentlicht in Jugendhilfe

Countdown

Sehr treffend von Thomas Mampel beschrieben. Genauso sieht es aus. Und die Anforderungen verändern sich.

mampels welt

profils_sw 2Die Zeit rast – und die Arbeit wird nicht alle. Ich arbeite sehr gern. Und ich arbeite auch sehr gern sehr viel. Aber aktuell habe ich das Gefühl, dass sich die Dinge zuspitzen…… Aktuell meint: die letzten Wochen und Monate. Nicht nur wegen der vielen Arbeit im Zusammenhang mit dem Zuzug von Flüchtlingen in unseren Bezirk. Aber auch. Es stellen sich ganz neue Aufgaben. Der Aspekt „Reaktionsgeschwindigkeit“ bekommt eine neue Bedeutung. Wir werden angefragt, ob wir innerhalb von zwei Stunden eine Notunterkunft für 150 Geflüchtete eröffnen können; wir sind aufgefordert innerhalb von einer Woche Konzepte und Anträge für vollkommen neue Projekte und Angebote einzureichen; alte Produkte wandern in den „Papierkorb der Geschichte“ – neue Formate erblicken das Licht der Welt. Wir wagen uns auf ganz neue Terrains vor. Ich glaube, dass ich noch nie in meinem Leben soviel gearbeitet habe wie jetzt. Das ist alles unglaublich aufregend. Und anstrengend. Und…

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Veröffentlicht in Europa

Wohin steuert die Europäische Union? #bloggerfuerfluechtlinge

Wie wir in Europa den aktuellen Zuwanderungsstrom bewältigen, hat auch etwas mit der Frage zu tun, wie schnell es uns gelingt, die soziale Arbeit so zu organisieren, dass sie zu den aktuellen Entwicklungen passt. Ein paar Überlegungen zu dem Thema:

  1. Warum Zuwanderungsströme Europa gute Chancen bieten.
  2. Warum Migration und Inklusion jetzt (endlich) zu einer gemeinsamen (europäischen) Sache werden müssen.
  3. Was die soziale Arbeit von Internetaktivisten lernen kann.

Wenn einer eine Reise tut, kommt es manchmal anders als man denkt. Oder passieren Ereignisse, die Dich nachdenklich werden lassen. Unsere Rundreise durch Südschweden, Kopenhagen und Lübeck fällt genau in die Zeit als die Zuwanderungsströme der Europäischen Union vor Augen führen, dass dringender Handlungsbedarf ist.

Wir sind das freie und offene Europa so gewohnt, dass es uns kaum in den Sinn kommt, dass wir Grenzen überschreiten, wenn wir von einem Land ins andere reisen. In Schweden und Dänemark fällt immerhin auf, dass wir Geld umtauschen müssen. In drei Tagen bezahlen wir mit drei verschiedenen Währungen. Ist das denn wirklich heutzutage noch nötig, fragt man sich.

Aber so selbstverständlich wie es uns scheint, ist das freizügige Europa in diesen Wochen gar nicht. Der Geist, den die Gründerväter zur Wirtschafts- und später zur Währungsunion bewegte, scheint ein klein wenig verweht zu sein. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat uns das deutlich vor Augen geführt. Und auch das nächste ureuropäische Thema, die Migrationspolitik, zwingt zu dringendem Handeln. Hätte natürlich schon viel früher geschehen können. Die Europäische Union braucht Standards in der Flüchtlingspolitik.

Während wir reisen, transportiert der ungarische Staatschef Flüchtlinge auf schnellstem Weg in andere Länder, in die Länder, in die sie gehen möchten, weil sie Arbeit und Auskommen erhoffen und sich in manchen Ländern willkommener fühlen als in anderen. Deutschland zum Beispiel, Österreich und auch Schweden. Wer durch Schweden reist, kann das

Wachturm bei Dassow
Ehemaliger Wachturm an der deutsch-deutschen Grenze bei Lübeck

ein wenig nachvollziehen. Knapp 10 Mio. Einwohner/innen bei rund 450.000  ㎢  und damit nur 21 Menschen auf 1 ㎢. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 226 Menschen. Als wir Kopenhagen erreichen, ist Dänemark kurz davor, den Bahnverkehr zwischen Hamburg und Kopenhagen einzustellen. Später passiert dies tatsächlich. Und auch in Österreich und  Deutschland. Am Ende unserer Reise wird in Ungarn ein Stacheldraht errichtet. Zu dem Zeitpunkt sonnenbaden wir auf dem Priwall, dem Strand, der fast dreißig Jahre Grenzgebiet war und ein Land, ja einen Kontinent, in zwei Teile teilte.

Was nur ist los mit Dir, Europa?

Zuwanderungsströme sind Europas Chance.

Was für uns heute selbstverständlich ist, Freizügigkeit, offene Grenzen und friedliches Zusammenleben darf nicht gefährdet werden. Gleichzeitig zeigt die momentane Situation aber auch, dass das nationalstaatliche Denken deutlich dominiert. Die Finanz – und Wirtschaftskrise hat hierzu sicher beigetragen. Die Europäische Union hätte viel früher den nächsten Schritt zu einem politisch vereinigten Europa machen müssen. Dann wären nicht nur einige Leuchtturmprojekte zu erkennen, sondern auch eine gemeinsame Strategie in zentralen europäischen Fragestellungen.

Jetzt ist die Zeit gekommen, sich gemeinsam über erfolgreiche Migration in Europa zu verständigen. Wie zurecht in diesen Tagen immer wieder gesagt wird, das kann ein Land alleine nicht tun. Es müssen Zugänge geschaffen werden

  • zu Wohnraum
  • zu existentiellem Auskommen
  • zu Bildung
  • zu Arbeit.

Hier braucht die europäische Union eine gemeinsame Strategie, damit dies in jedem europäischen Staat erfolgreich geleistet werden kann. Ein Umdenken ist erforderlich.

Wir sitzen alle in einem Boot.

Auf dieser Reise, rund um die Ostseeländer, sind wir viel mit dem Boot unterwegs. Winzige Fährboote, riesige Transportschiffe. Miteinander in einem Boot zu sitzen, birgt eine gewisse Unsicherheit, wer sollte das in diesen Tagen besser wissen als die Menschen selbst, die mit Booten ihre riskante Flucht gewagt haben. In Europa sitzen wir schon lange alle in einem Boot. In den fünfziger Jahren haben wir uns dazu entschieden. Es ist keine Sache einiger weniger Politiker/innen.

Gerade die Erstaufnahme der neuen Zuwanderer ist in diesen Tagen von besonderer Bedeutung. Aber genauso wichtig ist der zweite Schritt. Was passiert danach? Auch hier haben sich schon eine Reihe interessanter Modelle und Projekte entwickelt. Dabei ist es wichtig, dass es nicht bei Projekten bleibt, sondern, dass es zu Verstetigungen und auch Veränderungen des Bisherigen kommt.  Zu einer gelungenen Integrationsaufgabe gehört ein breites Verständnis von Inklusion. Inklusion muss die Erhöhung der Teilhabe Chancen aller Menschen sein. Interessanterweise zeigt sich gerade beim Thema Bildung, dass das Miteinander eine Bereicherung bedeutet. Beispiele wie  Gemeinsam in der Schule und Syrische Flüchtlinge retten Schule zeigen dies. Bildungs- und Wohlfahrtsorganisationen sind in diesen Tagen wichtiger und notwendiger denn je, denn sie bieten verlässliche Ablaufstrukturen, die Sicherheit geben. Und dennoch sind sie auch gezwungen, sich zu wandeln, um auf die Herausforderungen reagieren zu können.

Was kann hier förderlich sein:

  • weltoffene, kultursensible Mitarbeitende
  • ein kluges Verständnis von europäischen Zusammenhängen
  • Inklusionssensibilität, also Menschen, die auf Gruppendynamiken zu reagieren wissen
  • Flexible und kreative Bildungssysteme

#bloggerfuerfluechtlinge und #rn8

Ich habe auf dieser Reise ein unerträglich langsames Internet gehabt. Der alte Balken baute sich so langsam oder gar nicht auf, dass ich mich in die 90er Jahre zurück versetzt fühlte. Von daher habe ich das Bloggen zeitweise eingestellt und konnte auch nur ab und an etwas in den sozialen Netzwerken posten. Aber eine Aktion, an der ich als Bloggerin mit meinem Blog Reisekladde schon länger mal teilnehmen wollte, die sogenannte #rn8 – (Reisenacht), habe ich mitbekommen. Diese kurzweilige und wirkungsvolle Initiative besteht darin, montags zwischen acht und neun Uhr abends zu einem bestimmten Reisethema zu twittern. An besagtem Montagabend hatte sich die Initiative dazu entschlossen, jeden Tweet mit 10 Cent zu hinterlegen und der Internetinitiative #bloggerfuerfluechtlinge zur Verfügung zu stellen. Eine tolle Aktion, an der ich – eingschränkt – auch teilnehmen konnte.

Abgesehen von dieser guten Sache habe ich hierdurch viel darüber gelernt, wohin sich die soziale Arbeit entwickelt:

  • Menschen schließen sich zu einem Thema zusammen.
  • Der Mensch ist gefragt, nicht die Organisation.
  • Die unmittelbare praktische Hilfe zählt.
  • Die Kommunikation ist leicht, fröhlich, unkompliziert und hierarchiefrei.
  • Interessen verknüpfen sich.

Diese Maximen machen sich eben auch nicht nur im Internet breit, sondern sind schon längst Teil einer neuen Jugendkultur, die auch für ein zusammenwachsendes Europa die besten Chancen bietet. Meine Hoffnung ist, dass Programme wie Erasmus ihren Beitrag dazu geleistet haben, dass junge Menschen nur noch kopfschüttelnd die Politik der Älteren betrachten und unkompliziert ihren Weg miteinander suchen.

Infos zum Thema

Erklärvideo zur Syrienkrise & EU-Politik

Wie geht eigentlich ein Asylverfahren – Infografik.

Aktion Neue Nachbarn

Fünf der innovativsten Flüchtlingsprojekte

Magdas Hotel – Arbeitsplätze für Flüchtlinge

Flüchtlingsarbeit & Jugendhilfe – Soziale Arbeit neu herausgefordert.

Dublin Verordnung der Europäischen Union sieht vor, dass Asylbewerber/innen in dem Land das Asylverfahren durchlaufen, in dem sie erstmalig angekommen sind.

Shengen Abkommen – Reisefreiheit für EU-Bürger innerhalb Europas.

Daten und Fakten über Länder der Europäischen Union. 

Priwall Strand, Lübeck-Travemünde.
Hier verlief die Grenze zwischen DDR und BRD: Priwall-Strand bei Travemünde.

Zum Weiterlesen: Flüchtlingsarbeit & Jugendhilfe

Veröffentlicht in Soziale Arbeit

Magdas Hotel – ein Hotel der ganz besonderen Art in Wien! #FairesReisen

Susanne Lynen, Migrationsexpertin beim Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln e.V., hat kürzlich in Wien in einem Hotel übernachtet, das bislang einzigartig ist. Es wird von Flüchtlingen betrieben. Ich habe für Reisekladde ein Interview mit ihr über diese tolle Erfahrung geführt. Lest selbst!

Reisekladde

Susanne, Du hast kürzlich in Wien in einem Hotel übernachtet, das es in dieser Art noch nicht so häufig gibt oder bislang sogar einzigartig ist. Es wird von Flüchtlingen betrieben.

Was ist das Besondere an Hotel Magdas?

Es ist ein Hotel der etwas anderen Art. Von außen unauffällig, von innen freundlich, bunt, einladend, nicht steril wie Hotels sonst oftmals sind. Alle Altersgruppen scheinen sich angesprochen zu fühlen. Menschen mit und ohne Migrationshintergrund arbeiten dort – 31 Menschen aus 16 verschiedenen Ländern; insgesamt 28 unterschiedliche Sprachen werden im Magdas gesprochen. Menschen, die auf der Flucht waren, haben hier einen Arbeitsplatz gefunden, an welchem sie sich wohlfühlen und im Team zusammenarbeiten können.

Wie ist das Hotel eingerichtet?

Es sieht nur im allerersten Moment aus wie ein „richtiges“ Hotel. Man merkt aber gleich, dass dieses hier durch viele Besonderheiten geprägt ist: die Möbel sind bunt zusammengewürfelt; kein Sessel gleicht dem anderen, die Lampen…

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