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Meditation in Zeiten von Disruption.

Vor ein paar Tagen habe ich mal wieder den Selbsttest gemacht.

Es geht!

Ein paar Tage mal alle Kanäle abschalten und zur inneren Ruhe kommen.

Die Einsiedelei.

Als Ort habe ich mir eine Unterkunft in der Nähe einer Einsiedelei ausgesucht.

Vom SozialCamp auf dem Michaelsberg ging es direkt zu diesem kleinen Kirchort, der mit eigenen Händen erbaut wurde.

Früher auf dem Michaelsberg, als es noch eine Benediktinerabtei mit einem Exerzitienhaus war, habe ich dort mal an Schweigeexerzitien teilgenommen. Eine nachhaltige Erfahrung.

Ein schöner Wanderweg führt durch Berg und Tal und den leuchtenden Oktoberwald zur Einsiedelei, die recht versteckt am Hang liegt und ohne Hinweisschild kaum zu finden ist.

Als ich den Kreuzweg entlang gehe, schaue ich auf die Frauen, die bei der Kreuzigung, beim Sterben und bei der Grablegung dabei sind.

In der Kapelle brennen drei Kerzen. An der Wand hängen Tafeln mit Dankesworten für die Hilfe Marias.

„Bei der Kapelle ist eine Lourdesgrotte aus dem Jahre 1923 und eine Mariensäule aus dem Jahr 1929/30 mit dazugehörigem Kreuzweg mit 14 Stationen zu finden. Hier hat von 1906 bis 1945 der fromme Einsiedler Jakob Leisen gelebt. Er baute einen Kreuzweg und eine kleine Kapelle im Wald. Wenn die Wiersdorfer ihn bei ihren Sonntagsausflügen besuchten, bewirtete er sie mit Schwarzbrot und selbstgemachtem Ziegenkäse.“ heisst es auf Eifel-Info.

Der Einsiedler ist 1945 verstorben.

Die Bücher.

Als Lektüre habe ich mitgenommen, was noch auf das Lesen wartete.

  • Robert Habeck „Wer wir sein könnten“ – Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht, Köln 2018
  • Angelika Limmroth: Jenny Marx. Die Biographie, Berlin 2018
  • Johannes Eckert: Steht auf! Frauen im Markusevangelium als Provokation von heute. Freiburg im Breisgau 2018

Faszinierend zu sehen wie sehr die drei Bücher mit einander zu tun haben. In allen drei Büchern ist Politik ein wichtiges Thema. Und Glaube. Und Kirche. Und Demokratie. Und Sprache. Und Frauen.

Transformation.

Robert Habeck erläutert am Beispiel der „Kreuzpflicht“ in Bayern, dass das Kreuz hier zu einem Symbol abgewertet wird.

Es verdinglicht den Glauben und macht ihn zu einem Brauchtum.

schreibt er in „Wer wir sein könnten – warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht.“

„Sprache schafft Wirklichkeit.“ Er beobachtet eine Verrohung der Sprache, die eine Gefährdung der Demokratie und eines konstruktiven Diskurses bewirkt. Er fordert dazu auf

… viel umfassender auf Sprache zu achten und dabei stärker das zu beherzigen, worum es im Kern geht: um Verständlichkeit, Respekt, Anerkennung.

Gerade auch und um unsere Demokratie und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu schützen.

Im Leben der Jenny Marx, Ehefrau von Karl Marx, sind Sprache und Schreiben der Schlüssel der Reform und Revolution. Anders als in anderen Ländern gelingt der Aufstand auf der Straße nicht, da die Deutschen „Kulturpatrioten“ sind. Die Revolution von 1848 hat nicht die gewünschten politischen Verhältnisse gebracht also wurde geschrieben.

Robert Habeck macht dies an Schillers „Ästhetische Erziehung des Menschen“ deutlich. Auch Martin Luther war schon der Auffassung: „Wenn Du die Welt verändern willst, nimm einen Stift und schreib.“

Jenny und Karl griffen beim Schreiben auf ein globales Netzwerk zurück. Sie schrieben regelmässig zahlreiche Briefe an zig Verbündete und schufen somit einen weitreichenden Verbund zur Förderung ihrer Ideen.

Kaum auszudenken, was ein digitales soziale Netzwerk wohl bewirkt hätte!

Die Biographie ist ein mehr als unterhaltsamer bis hin erhellender Einblick in das Leben eines Paares, das für eine Idee gelebt und gekämpft hat.

Trotz ihres langjährigen Zusammenlebens blieben Jenny und Karl zwei selbständige Individuen, die ein Gemeinsames bildeten. Der nie abreißende Dialog zwischen ihnen, die gegenseitige Anerkennung und Achtung sowie das Gefühl füreinander bildeten das tragfähige Fundament ihrer Partnerschaft.

Abt Johannes Eckert stellt in seinem Buch „Steht auf!-Frauen im Markusevangelium als Provokation für heute“, eine ruhige, schlichte, ja fast schüchterne, Frage:

Würde nicht die Kirche im Blick auf ihre Ursprünge durch geweihte Frauen an Authentizität gewinnen?

Eine Frage, die vor noch nicht all zu langer Zeit ein absolutes Tabuthema war. Was spricht eigentlich noch ernsthaft dagegen?

Am letzten Tag erklimme ich wieder den Hügel zur Einsiedelei. Ich nehme in der engen Kapelle Platz und anschließend draußen auf einer Bank in der Sonne, die einen weiten Blick ins Land erlaubt.

Weitblick.

Freiheit.

Kirche atmet (wieder) Freiheit.

Wenn sie raus geht, Kulturbrüche wagt und an einer zeitgemäßen Gesellschaft und deren Zusammenhalt mitwirkt.

Zum Weiterlesen:

Abt Johannes Eckert über starke Frauen im Markus-Evangelium

Generalvikar hat Sympathie für die Abschaffung des Zölibats

Lasst uns lieber Mauern einreißen, statt aufbauen

Was uns Martin Luther für das Zeitalter des digitalen Wandels lehrt

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Raus aus der eigenen Filterblase: Kirche heute. #rp18

Es gibt keine Zufälle.

Europas größte Internetmesse, die Re:Publica, findet in diesem Jahr eine Woche vor dem Katholikentag statt.

Eigentlich doch nur eine terminliche Nachrangigkeit, oder?

Das eine hat mit dem anderen doch gar nichts zu tun.

Oder?

Wer weiss. Und eigentlich dachte ich das auch. Und dachte mir im Vorfeld: hier beschäftigst Du Dich mal schön mit neuen Technologien und dort mit Deinem Glauben.

Und dann das.

Schon vor Beginn der Re:Publica lädt katholisch.de auf Facebook zu einem #Netzgemeindefest ein. Und als ich am Vorabend zur pre:republica auflaufe, die mich seit meinem ersten Mal vor drei Jahren an ein Pfadfinderlager ohne Lagerfeuer erinnert, sammeln sich unter dem großen grünen Quadranten mit der riesigen Aufschrift „POP“ (Power of People) auch wieder ein paar Churchies.

Power of People.

Die Re:Publica bewegt mittlerweile die großen gesellschaftlichen Themen, ist in den Medien präsent und Sascha Lobos Vision einer friedlichen Welt schafft es in die Tagesschau und wird zig mal in den sozialen Medien geteilt.

Als Kirche sind wir hier eine unter vielen. Sicher ganz anders als beim Katholikentag nächste Woche.

Und doch vielleicht das reale Bild. 100 Christinnen und Christen, Anzahl der Menschen, die sich beim Netzgemeindefest trifft, die auch eine Rolle spielen, weil zwei sich aktiv darum gekümmert haben. Menschen, die mitmachen wollen dabei, dass das Internet eine gute Sache ist. Menschen, die sich aus ihrer Filterblase heraus bewegen, um zu verstehen, was andere bewegt. Und die teils staunend feststellen, wie viel Gutes andere tun.

Die Re:Publica setzt sich wie der Katholikentag, dessen diesjähriges Motto „Frieden“ ist,  für ein friedliches Miteinander ein. Deswegen tut sie sich mit Recruitingstrategien der Bundeswehr vor dem Eingang schwer.

Ich bin zum dritten Mal überrascht, dass die Re:Publica für mich wieder eine spirituelle Erfahrung ist.

Die Re:Publica ist ein Ort, wo Begegnungen zufällig geschehen. Ein Ort, der Früchte trägt.

Sie wirkt nach.

Was ganz konkret entsteht dadurch?

Erneuerung. Anders ausgedrückt: Innovation.

Aber auch Puzzlestücke, die Du mit Dir herum trägst und, die sich während der Tage zu einem neuen Ganzen formen. Vielleicht einem neuen Leitbild.

Oder einfach back to the roots. Das „Internet“ wurde von Idealisten geschaffen, die kostenfreie Zugänge zu Bildung bewirken wollen, die durch Technologie Inklusion ermöglichen wollen, die unter dem #KeinerTwitterAllein Einsamkeit verhindern wollen … Große und kleine Initiativen, die Gutes bewirken.

Die Kommerzialisierung machte vor dem Neuland nicht halt. Aber niemand ist gezwungen, die Algorithmen nicht doch für die Gute Sache einzusetzen.

Und so stelle ich nach drei Tagen Re:Publica fest, dass ich viele gute Begegnungen, wenn auch in meiner eigenen Filterblase aber im großen Ganzen hatte, und wieder besser verstanden habe, worauf es bei Big Data, Künstlicher Intelligenz und SocialBots am meisten ankommt:

Auf POP: die Power of People.

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Über Amt, Aufgabe & Beruf.

Wie einige wissen, befinde ich mich in einem Übergang von einer Aufgabe zu einer anderen, von einer Organisation in eine andere, von einer Region zu einer anderen.

Viele, viele Menschen haben mir gratuliert. Ich wurde sehr herzlich willkommen geheißen und erntete auch viel Bedauern, dass ich die alte Funktion verlasse.

Das ist außerordentlich wohltuend.

Und gibt starken Rückenwind.

Die Zahl hat mich überrascht  und überwältigt und gab mir gleichzeitig eine Bestätigung, dass ich die richtige Wahl getroffen habe.

In einem Kommentar hieß es:

„Da bist Du ja genau richtig.“

Und je mehr ich mich in die Rolle bewege, um so mehr erkenne ich:

Ja…

…genau da bin ich richtig.

Warum eigentlich?

Und die schlichte Antwort ist:

Weil die Aufgabe passt.

„Bist Du denn nicht furchtbar aufgeregt angesichts der Verantwortung?“

Und ich musste feststellen:

Nein.

Bin ich nicht.

Warum?

Weil die Aufgabe passt.

Die Aufgabe passt zu dem, was ich gelernt habe und zu meinen Erfahrungen und zu dem, was ich gerne tue.

Karrieresprung, sagen einige.

Ja, klar, ist es auch und freut natürlich ebenso.

Und gleichzeitig weiß ich, dass ich nicht in irgendetwas springen würde, nur der Karriere wegen.

Die Aufgabe muss spannend sein.

Und warum dann genau das?

Einfache Antwort:

weil sie jemanden gesucht haben.

Vor dem Hintergrund meines Glaubens aber auch:

es ist offensichtlich mein Weg.

Caritasarbeit im Ruhrbistum.

Wenn nicht dort…,

…wo dann?

Und das Amt?

Ein Amt ist nicht nur einfach so ein Wort. Ein Amt ist eine Verantwortung.

Alle getroffenen Entscheidungen haben Auswirkungen. Vor allem auf Menschen.

In erster Linie. Ein Amt ist eine große Verantwortung.

Davor habe ich Respekt.

Aber keine Angst.

Ist es also mehr als ein Beruf?

Sollte man tatsächlich das große Wort Berufung bemühen?

Nein.

Aber…

…wenn ein Weg stimmig ist, stimmt, ist es wirklich eine göttliche Fügung.

Es sind diese Momente,

wo man aufschaut und denkt:

„Ach,

…das sollte es sein…“

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Schweigeexerzitien

Laudes. Die benediktinischen Regeln lullen mich ein. Geben dem Tag Struktur. Frühstück.

Klassische Musik. Ich bleibe bis niemand mehr im Frühstücksraum ist und schaue aus dem Fenster. Das Fenster scheint hoch über dem Berg zu schweben. Dabei sind wir im Keller. Es ist hoch oben in der Mauer eingebaut. Ich schaue auf den Weg, den ich täglich gehe. Später werde ich versuchen das Fenster von außen zu lokalisieren. Was hat diese starke Wahrnehmung des Fensters mit meinem spirituellen Weg zu tun?

Stillegebet. Heute bin ich ehrgeizig. Ich will zwei Mal eine Stunde meditieren. Einfach mal probieren wie das ist. „Um Gottes Willen“, wird der Exerzitienbegleiter am Nachmittag sagen. „Das habe ich ja noch nie gemacht.“

Eucharistie. Mittagsgebet. Mittagessen. Mittagsschlaf.
Ich wache wieder früh auf. Draußen ist was los. Ich schaue aus dem Fenster. Eine Hochzeit.
Ich gehe nach unten und am Haupteingang hinaus auf den Hof, dann die Stufen zur Abteikirche hoch, die sich majestätisch neben dem Exerzitienhaus erhebt. Drinnen herrscht gähnende Leere. Aber ich höre etwas. In der Kirche führt eine Treppe hinunter in die Krypta. 
Aber als ich unten ankomme, stehe ich vor einer verschlossenen Holztüre. Dahinter, ich höre es deutlich, findet die Hochzeit statt. Aber, es gibt noch einen Nebeneingang. Geschwind hüpfe ich die Treppe hinunter und schlüpfe durch den Eingang und komme gerade zurecht als das Brautpaar sich das Eheversprechen gibt.
Ich kehre ins Edith-Stein-Haus zurück und gehe zur Stillezeit in die Kapelle. Eine Stunde. Diesmal vor der Ikone der Gottesmutter Maria. Ein besonderes Bild: eine sehr politisch engagierte Gottesmutter. Interessant. Was hat dieses Frauenbild mit mir zu tun? Welches Frauenbild habe ich überhaupt?
 
Nach der zweiten Stunde bin ich sehr entspannt und nutze die Zeit bis zum Einzelgespräch zu einem Besuch in der Bibliothek. Irgendwie entdecke ich sie erst heute. Sie liegt der Kapellentür quasi direkt gegenüber, wenngleich man auch noch das Treppenhaus durchqueren muß, also am Aufgang zum zweiten Stock, wo sich unser Exerzitienraum befindet. 
 
Ich öffne die Tür. Der Raum ist schmal und lang. Die Fenster sind in hellen Regalen den Fenstern gegenüber untergebracht. Der Raum ist durch die vier sich aneinanderreihenden Fenster schön hell. Auch hier laden zwei schwarze Sesseln zum Verweilen ein. Die Lektüre besteht in erster Linie aus theologischen Werken. Ich finde einen sehr hübschen Bildband über Teresa von Avila. Darin ist auch ihre schlichte (aber geschmackvolle) Klosterzelle abgebildet. Das Foto fasziniert mich. Ich bringe den Bildband in mein Zimmer. 
 
Im Einzelgespräch spreche ich über meinen (spirituellen) Weg. 
 
Nach dem Gespräch mache ich noch einen kleinen Rundgang und wir treffen uns wieder zur Vesper. 
Dann zum Abendessen. Ich weiß jetzt wohin das Fenster führt und ich habe es mir auch von unten angesehen. Wenn ich an der Mauer hochschaue, wirkt es wie ein Verließ. 
 
Nach dem Abendessen breche ich zu einem längeren Spaziergang auf. Ich will lernen, mich führen zu lassen. Ich folge der Straße, die den Berg hinunter in die Stadtmitte führt. Aber ich mag den Berg nicht verlassen. Morgen ist früh genug. Ich entdecke den Rosengarten. Ich denke an eine Schallplatte, die ich als Kind oft gehört hatte: „Das Rosenresli“. Ein Kind, das zusammen mit seinem Mütterlein lebte. Beide waren sehr arm. Das Kind bekam in der Nachbarschaft fast verblühte Rosen geschenkt, um sie zu verkaufen. Sie gab das Geld der Mutter, von der in der Geschichte immer als „Sorgenmutter“ die Rede ist. Diese kauft davon Brennholz. 
Der Rosengarten ist prächtig. Ich gehe weiter um den Berg herum und komme in den Wald. Ein Zauberwald, so scheint es mir. Ein Märchenwald.
Erst wird es dunkler, weil der Wald dichter wird, dann erscheint vor mir ein Torbogen in der Mauer. Ich schreite hindurch und stehe auf einer Lichtung, die einen weiten Blick über Wiesen und Felder bis hin zum Siebengebirge frei gibt. Ich nehme einen Augenblick auf der Bank Platz.
Wenn dieser Weg symbolisch für meinen Lebensweg ist, was heißt das dann? Bin ich auf dem Zenit des Lebens? Je mehr ich schweige, je mehr ich meditiere, um so mehr erscheint mir alles, was ich tue als Teil meiner Spiritualität. Vielleicht ist das die Wahrheit.
Ich gehe weiter. Der Weg führt noch etwas weiter hinauf. Und dann erreiche ich über ein paar Stufen den Klostergarten und meinen Sandweg vom Vortag, der entlang der Mauer verläuft. Trotz des Zaubers der Lichtung fühle ich mich hier oben wohler. Nein, ich habe noch nicht alles erreicht. Teresa von Avila ist der festen Überzeugung, dass wir, je älter wir werden, umso vollkommener werden. Abenteurerin Teresa! Ich bin ganz Deiner Meinung. Und ich bin noch so unvollkommen.
 
Komplet.
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