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Wie das Bundesteilhabegesetz und der digitale Wandel die soziale Arbeit gerade auf den Kopf stellen.

Die Grundsätze der UN-Behindertenrechtskonvention, die 2008 beschlossen wurden, setzen eine gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung voraus.

Um die in der Konvention beschlossenen Grundsätze in Deutschland umzusetzen, hat die Bundesregierung am 29.12.2016 das Bundesteilhabegesetz beschlossen. Das Ausführungsgesetz in NRW wurde am 11. Juli 2018 verabschiedet.

Im gleichen Zeitraum, seit der Einführung des ersten Smartphones im Januar 2007, halten neue Technologien beschleunigt Einzug in unseren Alltag und damit in die soziale Arbeit insgesamt, sei es, dass sie von Klient/innen genutzt werden oder, dass sie die Arbeit erleichtern, unterstützen, verändern.

Angebote reichen von Sensoren in Wohngemeinschaften für an Demenz erkrankte Menschen bis hin zu Online- und Chatberatungsangeboten im Netz.

Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Im Mittelpunkt steht der Mensch, aber anders.

Die UN-Behindertenrechtskonvention und in ihrer Umsetzung das Bundesteilhabegesetz stellen den Menschen in den Mittelpunkt. Das, so werden viele jetzt behaupten, hat die soziale Arbeit doch schon immer getan.

Ja, aber anders.

Bisher ist die Behindertenhilfe wie die soziale Arbeit insgesamt noch stark von einem Fürsorgegedanken geprägt. Diese Grundhaltung ist auch die Motivation für viele Studierende der sozialen Arbeit. Das ändert sich gerade.

Im Mittelpunkt steht fortan nachwievor der Mensch. Aber anders. Als Anwender, Nutzer, Kunde der sozialen Arbeit.

Diese Blickrichtung wurde bereits Mitte der 2000er im Zuge der Neuausrichtung der Arbeitsmarktpolitik versucht. Angelehnt an die englische JobCenterphilosophie und den damit verbundenen Dienstleistungsgedanken wurde erstmalig ein Kundenbegriff in der sozialen Arbeit eingeführt, der in Deutschland kläglich gescheitert ist.

Weder die öffentliche Hand noch die Träger der sozialen Arbeit waren bereit, der neuen Philosophie in ihrer ganzen Tragweite zu folgen.

Die Methoden der digitalen Transformation wie beispielsweise  Scrum stellen ebenfalls den Anwender und damit den Menschen in den Mittelpunkt.

Diesmal muss uns der Wandel gelingen.

Was Führungskräfte können müssen.

Sowohl die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes als auch die Anforderungen des digitalen Wandels lösen Irritationen bis hin zu Ängsten bei Führungskräften auf allen Ebenen aus. Denn es ist nicht im Detail genau vorhersehbar, was zukünftig an Anforderungen zu erfüllen ist und welche Veränderungen genau bevorstehen.

Gerade aber die Behindertenhilfe wie einige andere Felder der sozialen Arbeit gleichermaßen hatte bisher die komfortable Ausgangssituation, dass die Systeme geordnet, die Finanzierungsströme geregelt und die Abläufe hierarchisch sortiert waren.

Veränderungen zu managen, bedeutet vor allem diejenigen mitzunehmen, die es betrifft. Das ist kein leichtes Unterfangen, weil weder die Auswirkungen des Bundesteilhabegesetzes noch die Auswirkungen des digitalen Wandels in Gänze zu überblicken sind.

Hinzu kommt, dass auch die Führungskräfte betroffen sind, das heißt, sie müssen die Notwendigkeit der Organisations- und Kulturveränderung nicht nur erkennen, sondern selbst reflektiert auch auf sich anwenden, umsetzen und ihre Mitarbeitenden dabei unterstützen, den Organisations- und Kulturwandel zu meistern.

Aktuell konzentrieren sich viele Führungskräfte noch auf die technischen und technologischen Lösungen wie im Bundesteilhabegesetz die neue Finanzierungssystematik und die damit verbundene Förderplanung, Fördergewährung und Fördererfüllung. Im Kontext des digitalen Wandels prüfen sie effiziente Softwarelösungen und Hardwaremodelle.

Die Veränderungen werden tiefgreifend sein und Neuerungen auf allen Ebenen bedeuten.

Das Anforderungsprofil an die Führungskräfte ist daher:

  • Bereitschaft zu Organisations- und Kulturveränderung
  • Transparenz
  • Agilität und Flexibilität
  • Veränderungsfähigkeit
  • offen für Innovationen
  • Veränderungsprozesse managen
  • Menschen mitnehmen
  • gute Kommunikationsfähigkeit
  • Fähigkeit zur Selbstreflexion

Wohlfahrt muss sich neu erfinden.

Das Bundesteihabegesetz bietet aufgrund seiner deutlich besseren Ausstattung hier die Möglichkeit ein echter Vorreiter in Sachen neue Wohlfahrt zu leisten. Der technologische Wandel wird keine Rücksicht auf Veränderungsresistenz legen. Organisationen, die nicht fähig sind, den Wandel zu managen, werden zukünftig keine Abnehmer/innen mehr haben und vom Markt verschwinden. Neue Organisationsformen und -typen werden an ihre Stelle treten.

  • Entsäult statt versäult
  • Offene Strukturen
  • Synergien zwischen den Geschäftsbereichen
  • Experimentierräume
  • flache Hierarchien
  • Neue Kooperationen
  • Social Entrepreneure

Auch und gerade die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege sind von diesen Veränderungen betroffen, denn ihre Aufgabe ist es, die Veränderungsprozesse ihrer Mitglieder zu begleiten und auch selbst in einer ähnlich agilen und flexiblen Weise den Wandel zu gestalten.

Beide Entwicklungen bedeuten einen Paradigmenwechsel für die soziale Arbeit. Das hat Auswirkungen auf Organisations- und Personalentwicklungskonzepte, auf Führungs- und Hierarchiefragen sowie auf Organisationsstrukturen, -prozesse und -kulturen.

Letztlich werden die Notwendigkeiten der Veränderung Wohlfahrt transformieren und neue Organisationstypen schaffen, die neue Qualifikationen und Kompetenzen der Fach- und Führungskräfte erfordern.

Zum Weiterlesen:

BTHG und Führung: Die Mitarbeitenden qualifizieren, die Organisation entwickeln

Digitale Transformation 

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Die neue Caritas: Streetworker & Tweetworker.

Mein Eindruck ist, dass die soziale Arbeit eine Renaissance erlebt. Und das ist gut so. Denn in einer zunehmend digitalisierten Welt wird die Sozialwirtschaft zum Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält.

Wir brauchen Fachkräfte für den sozialen Zusammenhalt.

Eines der gravierendsten und damit auch ein gesamtgesellschaftliches Problem sind fehlende Fachkräfte in Erziehung, Bildung, Sozialpädagogik und Pflege. Während ein größerer Teil der Arbeit möglicherweise zukünftig automatisiert und technologisch getan werden kann, ist das in der sozialen Arbeit nicht möglich. Sie lebt von personenbezogenen Beziehungen.

Diese Fachkräfte sind nicht nur wichtig, weil damit Arbeitgeber befriedet werden. Sie sind wichtig, weil sie der Kitt sind, der die Gesellschaft zusammen hält.

Familien brauchen Erzieher/innen, Lehrer/innen, Pflegekräfte und besonders arme Menschen brauchen Unterstützung beim Heranwachsen ihrer Kinder und Enkel oder der Versorgung ihrer Eltern. Auch, weil sie dann wieder unsere zukünftigen Fachkräfte sind.

Daher haben wir uns in der Freien Wohlfahrtspflege Anfang der Woche getroffen, um an Lösungen zu arbeiten. Wir haben analysiert, was sich ändern muss, damit der soziale Bereich (wieder) an Attraktivität gewinnt.

Sozial wird Digital.

Neue Technologien können die soziale Arbeit unterstützen. Genau darum ging es bei der 18. Delegiertenversammlung des Deutschen Caritasverbandes. Wir wollen Onlineberatung, Chatforen und ähnliches anbieten, um Menschen in Not auch im Netz erreichen zu können.

Das Thema wird innerhalb der Caritas seit geraumer Zeit diskutiert und es gibt schon heute eine Reihe guter Ansätze. Jetzt gilt es, die Arbeitsebenen zu koordinieren und auch sozialpolitisch zu fragen, was ist zu tun?

In Gesetzgebungsverfahren müssen neue Technologien geplant und budgetiert werden.  So ist beispielsweise im Bundesteilhabegesetz das Assistent Living als verhandelbar vorgesehen.

Selbsthilfe und Partizipation zur Strategie machen.

Zwei Aktivisten, die selbst Armut erfahren haben, sprechen vor dem vollen Haus der Delegiertenversammlung. Respekt. Ein Impuls, der einen unserer Ortscaritasdirektoren inspiriert, dass wir uns hier als Caritasverband im Bistum Essen mehr engagieren sollten. Eine ausgezeichnete Idee! Die Einbeziehung von Menschen wie es der Kreuzbund beispielhaft tut, ist ein wichtiger Beitrag zu einem gesellschaftlichen Miteinander.

Die 18. Delegiertenversammlung des Deutschen Caritasverbandes hat entscheidende Impulse gebracht. Gegen Rechtspopulismus, für den Einsatz von Technologie in der sozialen Arbeit, über den langen Kampf des Verbandes gegen Armut, für eine Erneuerung der Kirche und hier war vielleicht ein (sehr) guter Anfang, dass wir eine gendergerechtere Satzung beschlossen haben.

Von Osnabrück, der Friedensstadt, geht Aufbruchstimmung und Zuversicht aus. Die aktuelle Situation in der Kirche braucht Bistümer wie Osnabrück oder Essen, die Freiheit atmen, die Kirche nach vorne bringen und alte Zöpfe und Unkulturen in der katholischen Kirche und ihrer Caritas abschneiden.

Weiterführende Links:

Twitter für Einsteiger

Verbändearbeit 2020

Soziale Arbeit 4.0

Pressemeldung Deutscher Caritasverband

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Sozialfirma

Die schönsten Termine sind diejenigen, bei denen Früchte der Arbeit sichtbar und eingeweiht werden, wie heute in Engelskirchen. Wir haben das Projekt ein Jahr lang bei der Entwicklung beraten. Am Anfang stand eine Vision, ein Traum: die Schaffung von Arbeitsplätzen für Langzeitarbeitslose. Und nun ist sie Wirklichkeit gworden…

„Auf den ersten Blick scheint es, als ob die Zeit stehen geblieben wäre: Die massigen Grauwacke-Gebäude der ehemaligen Baumwollspinnerei Ermen & Engels säumen noch immer den früheren Fabrikhof. Auch der Schornstein des Dampfmaschinenhauses existiert noch. Und über die Eisenbahnschienen, die vom nahe gelegenen Bahnhof auf den Platz führen, könnte bald ein Güterzug mit einer Lieferung Baumwolle beim Alten Baumwoll-Lager vorfahren. Doch hier ist schon lange kein Faden mehr gesponnen worden. Heute steht das gesamte Gelände der alten Fabrik unter Denkmalschutz.“ heißt es auf der Webseite des Industriemuseums. Diesen Eindruck haben auch die Gäste, die der heutigen Feierstunde beiwohnen. Sie begeben sich in das Alte Baumwolllager, denn hier hat die Caritas ein neues Tagungshaus am Engelsplatz  eingerichtet. Das Besondere an dem Projekt: Es bietet Arbeitsplätze für langzeitarbeitslose Menschen. Dieser marktorientierte Ansatz mit sozialem Zweck wurde bereits von Herrn Landesarbeitsminister Schneider bemerkt, der es als eines von vier Leuchtturmprojekten in Bälde vor Ort besichtigen wird.





In diesen Räumen, in denen der Fabrikant Friedrich Engels  1837 eine Baumwollspinnerei gründete, da der Standort wirtschaftlich preiswerte Rahmenbedingungen wie kostenlose Wasserversorgung durch die Agger und billige Arbeitskräfte der umliegenden Dörfer bot, tagen jetzt Fach- und Führungskräfte von Unternehmen und sozialen Einrichtungen. Die Umgebung ist inspirierend, das Gemäuer mit dem rauschenden Fluss und die alten Fabrikfenster ein Tagungsort der anderen Art.
Dem Sohn des Fabrikanten, der uns vielleicht besser bekannte Friedrich Engels (Sozialtheoretiker), waren die väterlichen Arbeitsbedingungen, z.B. Kinderarbeit, Anlass sich soziologisch mit der Lage der arbeitenden Klasse zu befassen.

So würde es dem Junior sicher heute sehr gut gefallen, dass kommunale Größen, sich hier an diesem geschichtsträchtigen Platz zusammen gefunden haben, um ein Experiment zu wagen, das langzeitarbeitslosen Menschen menschenwürdige Arbeitsplätze verschafft. Der zur Feierstunde gelandene Urenkel strahlt jedenfalls über das ganze Gesicht. Weihbischof Ansgar Puff segnet in seiner Funktion als Vorsitzender des Diözesan – Caritasverbandes für das Erzbistum Köln e.V. die Räume und zitiert nachfolgende päpstlichen Worte, mit denen Friedrich Engels junior sicher nicht so unzufrieden gewesen wäre:

„Jede beliebige Gemeinschaft in der Kirche, die beansprucht, in ihrer Ruhe zu verharren, ohne sich kreativ darum zu kümmern und wirksam daran mitzuarbeiten, dass die Armen in Würde leben können und niemand ausgeschlossen wird, läuft Gefahr der Auflösung, auch wenn sie über soziale Themen spricht und die Regierung kritisiert. Sie wird schließlich leicht in einer mit religiösen Übungen, unfruchtbaren Versammlungen und leeren Reden heuchlerisch verborgenen spirituellen Weltlichkeit untergehen.“ 
 
(Papst Franziskus, „Evangelii Gaudium – Die Freude des Evangeliums)
 
 
 
Wenn Sie das Angebot die herrliche Lage und Räumlichkeiten sowie die ausgezeichnete Küche nutzen wollen, finden Sie hier die Leistungsbeschreibung.



Zum Weiterlesen:

Arbeiten hier vielleicht Engel?

Sozialer Arbeitsmarktmarkt der Zukunft










 
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Sozialer Arbeitsmarkt der Zukunft – Inklusion statt Exklusion

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Sabine Depew (Hrsg.), Claudia Elschenbroich (Hrsg.), Lutz Wende

Sozialer Arbeitsmarkt der Zukunft
Inklusion statt Exklusion
ISBN 978-3-7841-2435-3
1. Auflage, September 2013, Kartoniert/Broschiert, 180 Seiten

Das Projekt basierte auf der Leitidee, dass existenzsichernde Beschäftigung und soziale Teilhabe für arbeitsmarktferne Personen dauerhaft ermöglicht werden muss. Innerhalb des Projektes wurde die Etablierung eines sozialen Arbeitsmarktes verfolgt. Es wurden zwölf Betriebe ausgewählt, die im Rahmen eines Qualitätsentwicklungsprozesses mit dem Ziel der Optimierung ihrer Organisationsform begleitet wurden. Ein besonderer Schwerpunkt wurde auf die Integration der Beschäftigung, auf eine Markt- und Kundenorientierung sowie auf Finanzierungsmöglichkeiten gelegt. Weiterhin erfolgt eine Evaluation der Implementierung dauerhaft geförderter Beschäftigung nach Paragraph 16e SGB II (Beschäftigungszuschuss). Der Verlauf und die Ergebnisse des Gesamtprojektes werden dokumentiert. Im Anhang befindet sich eine Auswahl spezifischer Tools, die über das Projekt hinaus für die Entwicklung von Sozialfirmen unterstützend sind. (IAB)

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Erfahrung zahlt sich aus!

imageIm Rahmen der aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) finanzierten Gemeinschaftsinitiative EQUAL wurden europaweit Entwicklungspartnerschaften geschaffen, in denen innovative Ansätze erprobt werden, um Diskriminierung und Ungleichbehandlung im Zusammenhang mit dem Arbeitsmarkt zu bekämpfen.

Die „Offensive für Ältere“ war eine von 109 Entwicklungspartnerschaften, die in Deutschland an der ersten Förderrunde von EQUAL teilgenommen haben. In einem Zusammenschluss von 14 Partnern aus den Bereichen Wohlfahrtspflege, Wissenschaft und Wirtschaft hat sie Strategien gegen die Ausgrenzung Älterer vom Arbeitsmarkt erarbeitet. Ziel war es, neue Arbeitsplätze in der Gesundheits- und Sozialwirtschaft bzw. im Dienstleistungsbereich zu schaffen, dabei die hohe Lebenserfahrung und Sozialkompetenz älterer Menschen zu nutzen und dem seit Jahren populären Trend zu einer Verjüngung von Unternehmensbelegschaften entgegen zu treten. Neben dem Schaffen neuer Arbeitsplätze waren die Herstellung der Beschäftigungsfähigkeit und die Entwicklung eines flexiblen Fördersystems die zentralen Ziele der Entwicklungspartnerschaft.

Die „Offensive für Ältere“ hat ihre Arbeit im Jahr 2005 erfolgreich abgeschlossen und ihre Ergebnisse und Erfahrungen in die Arbeitsmarktpolitik von Bund und Ländern eingebracht.