Veröffentlicht in Soziale Arbeit

Digitale Teilhabe durch Innovations -Labore für die soziale Arbeit

Aktuell wird im Landtag in Nordrhein-Westfalen darüber beraten wie Chancen der Digitalisierung genutzt werden können.

Hier sind soziale Innovationen noch nicht hinreichend im Blick.

Sie werden – gemeinsam mit technischen und wirtschaftlichen Innovationen – darüber entscheiden, wie lebenswert unser Land im nächsten Jahrzehnt sein wird. 

Gerade in Regionen mit hohem demographischen Anpassungsdruck können soziale Innovationen, insbsondere auch Innovationen zur Lösung sozialer Probleme im engeren Sinne, als zentrale Voraussetzung gelingenden Strukurwandels und neuer Prosperität angesehen werden. Die Initiierung von sozialen Innovationen darf nicht dem Zufall überlassen werden. Es sind dafür all jene Formate zu nutzen, die sich aktuell als state of the art der Innovationsförderung bewährt haben. 

Damit dies gelingt, empfehlen wir die Einrichtung eines tragfähigen Innovationslabs mit Ausstrahlungswirkung.

Was ist ein Innovationslab?

Innovations- und Kreativlabs sind physische oder virtuelle Räume, in denen der Austausch von Wissen, Ideen und Informationen im Mittelpunkt steht. Es handelt sich um Experimentierorte, die sowohl langfristig als auch zeitlich befristet genutzt werden können. 

InnovationsLabore sind eine digitale Drehscheibe für soziale Innovationen.

Kreative und innovative Prozesse werden in LABs durch die Bereitstellung entsprechender Infrastrukturen, Services und Methoden der (gemeinschaftlichen) Wissensgenerierung unterstützt. 

Sie zeichnen sich in der Regel durch einen Cross-Innovation-Ansatz aus. Das bedeutet, dass in LABs branchenübergreifend und in interdisziplinären Konstellationen gearbeitet wird. 

Ebenfalls schließt der Cross-Innovation-Ansatz die Beteiligung von Kreativschaffenden bzw. Unternehmern, Freelancern oder Freischaffenden aus der Kreativwirtschaft an gemeinschaftlichen Arbeiten in LABs ein.

So lautet die Definition des Projekts Zukunft der Initiative für Wirtschaft, Technologie und Forschung LABs als neue Treiber von Innovation“.

Wesentliche Defizite bei den Versuchen soziale Innovationslabs zu schaffen, können darin gesehen werden, dass

a) die Initiatoren (innovative consulting-Firmen, start ups etc.) keinen strukturierten Kontakt zu den Trägern sozialer Dienstleistungen (Wohlfahrtsverbände etc.) hatten 

b) die öffentliche Förderung von LABs stark auf die o.a. Kategorien zugeschnitten waren, die für soziale Innovationen nicht gut passen

c) soziale Dienstleistungsunternehmen weniger Spielräume haben in start-ups und (digitale) Innovationen zu investieren, weil das hohe Risiko des Scheiterns (von 10 Start-ups heben zwei ab) und die Notwendigkeit bei der Entwicklung und für die Anlaufphase in Vorleistung zu treten, die sozialen Akteure im Vergleich zu Konzernen mit industrieller Fertigung überfordert.

Es erscheint uns als  Caritas daher dringend überfällig, ein „unternehmenseigenes“ Lab zu schaffen und damit einerseits die Innovationsbereitschaft der Caritas zu stärken und den Caritasverband als Treiber sozialer Innovationen zu nutzen, andererseits die o.a. Defizite modellhaft zu überwinden und damit Impulse über die Caritas hinaus zu setzen.

Ein LAB der Caritas müsste, um erfolgreich zu sein, Elemente eines Grassroot Lab und eines Coworking-Lab aufnehmen, – innovative Start-ups, regionale Akteure und Betroffene müssten von Anfang an in die Entwicklung eingebunden sein. Ohne eine enge Kooperation mit Hochschulen ist ein CaritasLAB nicht vorstellbar. 

Es bedarf für den Erfolg einer Anschubfinanzierung der öffentlichen Hand, die – als Strukturförderung verstanden – auf 5 Jahre angelegt sein sollte.

Das CaritasLAB braucht idealerweise eine regionale Umgebung, in der es sich als Treiber eines regionalen Strukturwandels bewährt und in der die Dringlichkeit sozialer Innovationen als Motivator täglich spürbar ist.

Das in der Ruhrregion geplante CaritasLab des Diözesan-Caritasverband für das Bistum Essen kennzeichnet sich dadurch aus, dass für drängende soziale Fragen ein Raum geschaffen wird, der Innovationsprozesse durch die gezielte Einbindung externer Experten und Expertinnen (u.a. Kreative, Unternehmen, Forschungs- und Entwicklungs-Einrichtungen) unterstützt. Den externen Partnern werden Leistungen und Programme angeboten, die Resultate ihrer Arbeit fließen wiederum in die Umsetzung von Unternehmenszielen ein.

Damit entsteht gleichzeitig ein Ort, der neue Form des Lernens online und offline erprobt und gleichzeitig als LAB Academy Basisseminare für Einsteiger anbieten wird.

Organisationsform

Das CARITASLAB ist ein Kooperationsverbund, der getragen vom DiCV Essen für weitere interessierte Caritasorganisationen offen ist. Sein Standort ist Essen – im Herzen des Ruhrgebiets. Während Berlin und München sich als Zentren einer auf die Bedürfnisse der Wirtschaft ausgerichteten Start-up Szene etabliert haben, besteht die Chance im Ruhrgebiet ein Zentrum des „Tech4Good“ zu schaffen. Im Mittelpunkt der Start-up- und Innovationsszene, die vom CaritasLAB angelockt und initiiert werden soll, stehen Fragen sozialen Wandels und Zusammenhalts. 

Da es innerhalb der Caritas bereits eine kleine Szene von Digitalexpert/innen gibt, die u.a. bereits gemeinsam ein BarCamp der sozialen Arbeit verantworten, das jährlich innovative Ideen hervor bringt, könnte diese in Form eines Projektbeirats eingebunden werden.

Finanzierung

Das LAB braucht Mittel für Räume, Projektmitarbeiter/innen, Sachmittel und den Einkauf von Dienstleistungen von externen Partnern, z.B. zur Durchführung von Hackathons und Entwicklung von neuen Technologien. 

Das LAB wird fünf Jahre lang über eine Anschubfinanzierung finanziert, um im Rahmen einer Experimentierphase zu ergründen, wie das LAB nachhaltig organisiert sein sollte.

Neben der Ausstattung und Einbindung der Partner könnte eine Innovationsförderung lokale Aktivitäten, neue Geschäftsmodelle, start ups etc. anschieben.

Für Ausstattung und Fonds sollten für den Gesamtzeitraum insgesamt 10 Mio. Euro zur Verfügung gestellt werden.

Parallel zu dieser Phase wird eine nachhaltige Finanzierung entwickelt, die sich aus Crowdfunding, Erlösen, Sponsoren und Mitgliedsbeiträgen zusammensetzen wird.

Mit dem CariLab werden wegweisende Innovationen, Strukturefekte für die Region und neue Organisationsformen der sozialen Arbeit entstehen.

 Most people are really those who save a specific problem 

they want to solve and know 

that they find the tools with us and then they stick around.“

 

 

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Veröffentlicht in Organisationskultur

Deutschland ist Schlusslicht. In der Frauenfrage.

Ich wollte mit diesem Thema eigentlich noch nie etwas zu tun haben, mein ganzes Leben nicht.

Und doch lässt es mich nicht los.

Auch, weil ich wirklich gerne wissen würde, warum das so ist, dass Deutschland Schlusslicht ist?

Woran liegt das nur??

Dabei ist die Lösung ganz einfach.

1. Wendet europäische Grundwerte an!

2. Bringt Frauen zur Geltung!

3. Beachtet bei Fotos und Podien schlicht die Quote!

4. Männer – seid Vorbilder!

5. Nutzt die Sprache!

 

Worum geht es?

Es geht um die Frauenfrage.

Bevor sich jetzt einige augenrollend wegdrehen, müssen wir feststellen, dass es eine Frage ist, die uns alle angeht!

Denn eine ganz aktuelle Studie „Deutschland ist bei weiblichen Vorständen Schlusslicht“ belegt, dass es sich um ein deutsches Phänomen zu handeln scheint.

Was ist nur los mit uns Deutschen?

„Kommt der Vorschlag, dass wir eine männliche und weibliche Doppelspitze brauchen, dann machen wir das vielleicht … bei meinem Nachfolger“ war gestern von Christian Lindner auf dem FDP Parteitag zu hören. Ein Ausspruch, der tatsächlich Saalgelächter bringt.

Warum nur?

Gerade bei einer Partei, die einen echten Frauenmangel hat, nicht nachvollziehbar. Und auch sonst nicht.

Warum sollte eine Frau nicht besser sein bzw. gleichermaßen die Aufgabe tun können?

Ein Phänomen, das nicht einfach vom Tisch zu fegen ist, ist die Angst.

Männer haben Angst.

Und diese Angst ist gar nicht unbegründet. Denn tatsächlich nehmen ihnen Frauen, wenn sie so richtig ernst machen, bis mindestens 50 % der Chancen auf einen tollen, interessanten Job.

Bei einer unserer Konferenzen, ein Kreis von ca. 27 Führungskräften, darunter 3 Frauen, formulierte das ein männlicher Vertreter auch. Bestimmte Funktionärspöstchen könnten ja zukünftig nicht mehr zur Verfügung stehen. Was passiert? Männer verbünden sich in der Frage wie sie die Frauenquote umgehen können.

Als die 3 Frauen dann spiegelten, das dies ja bisher umgekehrt gewesen sei, gab es dafür wenig Verständnis.

Was hat das mit ihnen zu tun?

Viel.

Die Beschäftigungsquote von Frauen mit Kindern gegenüber Männern mit Kindern ist in Deutschland deutlich geringer als in unseren Nachbarländern.

Die Chancengleichheit von Männern und Frauen hat viel mit der Haltung von Männern zu tun.

Ein Mann als Arbeitgeber zum Beispiel: Fragt er einen Bewerber mit vier Kindern, ob dieser die Betreuung seiner Familie sicher stellen könne?

Oder ein Ehemann: Macht er wirklich ernst mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und zwar zugunsten seiner Familie? Oder wird sein Sohn wieder mit Modellen aufwachsen, dass der Vater abwesend bei der Arbeit ist und seine Mutter sicherstellt, dass das „Höhlenfeuer“ nicht ausgeht?

„Die selbstverständlichen Benachteiligungen, die Ignoranz, die Arroganz, das Nicht-Ernstnehmen, weil das Gegenüber eine Frau ist.“beschreibt Christiane Florin in ihrem Buch „Der Weiberaufstand.“

Der ZDF Korrespondent Stefan Liefert twittert nachfolgendes Zitat:

Herausragend ist, dass er eine solche Wahrnehmung twittert! Als Mann!

Durch meine langjährige Europaarbeit weiss ich wie ernst Europa das Anliegen der Chancengleichheit ist. Dort sind Frauen ganz selbstverständlich genauso viele Kommissarinnen oder andere Amtsinhaberinnen wie Männer, weil es selbstverständlich ist.

Ohne Geschlechtergleichheit gibt es schlicht kein Geld!

Bringt Frauen zur Geltung!

Es war Prof. Dr Thomas Sternberg, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, der in seiner Abschlussrede beim Katholikentag bemerkt hat, was Anja Pfeffermann dann als tweet absetzte:

Wer sich Fotos, Settings und Podien anschaut, wird sehr häufig feststellen, dass keine einzige Frau dabei ist. Das Bild von Seehofers frauenloser Führungsmannschaft hat wohl immer noch nicht ausreichend sensibilisiert, dass verantwortlichen Organisatoren gar nicht auffällt, wenn Frauen nicht ins Licht gerückt werden, zu Wort kommen oder gar auf einem Foto als die Agierende, die Handelnde und nicht nur die lieblich Lächelnde bebildert werden.

Dank eines Katholikentagteilnehmers, Gerd Wittka, gibt es dieses Foto der Inputgeberin des Bistums Essens „Frauen im Mentoring“, Frau Dr. Qualbrink, die zudem noch eine preisgekrönte Promotion geschrieben hat: Über Frauen in Leitungspositionen, die die Kirche stören.

Wenige weitere Beispiele sind:

Sozialpolitischer Vorstand des Deutschen Caritasverbandes, Eva-Maria Welskop-Deffaa.

Das sind die drei Fotos, die ich im Fundus des Katholikentages sammelte, die Frauen in führenden und ernstzunehmenden Rollen präsentieren. Möglicherweise gibt es noch ein paar mehr. Aber nicht viele. Das ist ein durchaus übliches deutsches Ergebnis.

Immerhin kam die re:publica, Deutschlands große Gesellschafts- und Internetkonferenz, nach 12 Jahren auf eine Überzahl an  Speakerinnen genüber Speakern.

Beachtet bei Fotos und Podien schlicht die Frauenquote!

Eine Bebilderung ohne aktive Frauen sollte eigentlich als politisch unkorrekt gelten!

Es scheint, dass auch viele Öffentlichkeitsarbeiter und -arbeiterinnen noch nicht ausreichend dafür sensibilisiert sind.

Manchmal liegt es aber auch schlicht daran, dass viel zu wenig Frauen in den entsprechenden Settings zu finden sind.

Das ist eine Verantwortung, der sich Veranstalter stellen müssen! Und nein. Ausreden gelten nicht!

Männer – Seid Vorbilder!

In all euren Rollen habt ihre die große Chance dafür zu sorgen, dass Frauen zur Geltung kommen. Etwa als Väter: ein Sohn, der seinen Vater nur als familienabwesendend erlebt, wird nicht lernen, das mit der Familie zu sein, für den Vater etwas Beglückendes ist.

Nutzt die Sprache!

Selbst, wenn in einem Laden 97 % Erzieherinnen arbeiten, wird häufig noch von Erziehern gesprochen.

Ich fühle mich nicht mehr angesprochen, wenn die weibliche Form nicht verwendet wird! Und so geht es vielen mittlerweile.

Und ich bin mir nicht sicher, welche Auswirkungen es gehabt hätte, wenn es allen Helferinnen beim Katholikentag so gegangen wäre, aber dank Kurt C. Hose wurde dem abgeholfen.

 

Veröffentlicht in Spiritualität

Raus aus der eigenen Filterblase: Kirche heute. #rp18

Es gibt keine Zufälle.

Europas größte Internetmesse, die Re:Publica, findet in diesem Jahr eine Woche vor dem Katholikentag statt.

Eigentlich doch nur eine terminliche Nachrangigkeit, oder?

Das eine hat mit dem anderen doch gar nichts zu tun.

Oder?

Wer weiss. Und eigentlich dachte ich das auch. Und dachte mir im Vorfeld: hier beschäftigst Du Dich mal schön mit neuen Technologien und dort mit Deinem Glauben.

Und dann das.

Schon vor Beginn der Re:Publica lädt katholisch.de auf Facebook zu einem #Netzgemeindefest ein. Und als ich am Vorabend zur pre:republica auflaufe, die mich seit meinem ersten Mal vor drei Jahren an ein Pfadfinderlager ohne Lagerfeuer erinnert, sammeln sich unter dem großen grünen Quadranten mit der riesigen Aufschrift „POP“ (Power of People) auch wieder ein paar Churchies.

Power of People.

Die Re:Publica bewegt mittlerweile die großen gesellschaftlichen Themen, ist in den Medien präsent und Sascha Lobos Vision einer friedlichen Welt schafft es in die Tagesschau und wird zig mal in den sozialen Medien geteilt.

Als Kirche sind wir hier eine unter vielen. Sicher ganz anders als beim Katholikentag nächste Woche.

Und doch vielleicht das reale Bild. 100 Christinnen und Christen, Anzahl der Menschen, die sich beim Netzgemeindefest trifft, die auch eine Rolle spielen, weil zwei sich aktiv darum gekümmert haben. Menschen, die mitmachen wollen dabei, dass das Internet eine gute Sache ist. Menschen, die sich aus ihrer Filterblase heraus bewegen, um zu verstehen, was andere bewegt. Und die teils staunend feststellen, wie viel Gutes andere tun.

Die Re:Publica setzt sich wie der Katholikentag, dessen diesjähriges Motto „Frieden“ ist,  für ein friedliches Miteinander ein. Deswegen tut sie sich mit Recruitingstrategien der Bundeswehr vor dem Eingang schwer.

Ich bin zum dritten Mal überrascht, dass die Re:Publica für mich wieder eine spirituelle Erfahrung ist.

Die Re:Publica ist ein Ort, wo Begegnungen zufällig geschehen. Ein Ort, der Früchte trägt.

Sie wirkt nach.

Was ganz konkret entsteht dadurch?

Erneuerung. Anders ausgedrückt: Innovation.

Aber auch Puzzlestücke, die Du mit Dir herum trägst und, die sich während der Tage zu einem neuen Ganzen formen. Vielleicht einem neuen Leitbild.

Oder einfach back to the roots. Das „Internet“ wurde von Idealisten geschaffen, die kostenfreie Zugänge zu Bildung bewirken wollen, die durch Technologie Inklusion ermöglichen wollen, die unter dem #KeinerTwitterAllein Einsamkeit verhindern wollen … Große und kleine Initiativen, die Gutes bewirken.

Die Kommerzialisierung machte vor dem Neuland nicht halt. Aber niemand ist gezwungen, die Algorithmen nicht doch für die Gute Sache einzusetzen.

Und so stelle ich nach drei Tagen Re:Publica fest, dass ich viele gute Begegnungen, wenn auch in meiner eigenen Filterblase aber im großen Ganzen hatte, und wieder besser verstanden habe, worauf es bei Big Data, Künstlicher Intelligenz und SocialBots am meisten ankommt:

Auf POP: die Power of People.

Veröffentlicht in Soziale Arbeit 4.0

Lobbyarbeit 4.0

Interessenverbände stehen wie alle anderen Organisationen vor großen Herausforderungen, wenn sie sich dem digitalen Wandel stellen wollen.

Alle Arbeitsbereiche sind davon betroffen. Die Praxis erreicht ihre Klienten mittlerweile besser über das Internet als über klassisches Streetwork und bietet Chatberatung für Schwangere, mobile Straßenzeitungen oder Fachkräfteportale für Pflegeberufe an.

Aber auch und besonders die Spitzenverbände sind gefordert, nicht nur Vorreiter/innen zu sein, sondern auch ihre Kernarbeit zu verändern.

Zu den Kernaufgaben von Spitzenverbänden gehören: Information und Beratung ihrer Mitglieder, Fördermittelakquise und Fundraising, Fort- und Weiterbildung, Öffentlichkeitsarbeit und in erster Linie sozialpolitische Interessenvertretung.

Paradigmenwechsel.

Und genau hier, in der sozialpolitischen Interessenvertretung, zeichnet sich gerade ein Paradigmenwechsel ab.

Sozialpolitische Interessenvertretung geschieht in Verbänden seit ihrer Entstehung in Gremien. Analog den Strukturen, die wir auch aus der Politik kennen, stimmen sich Menschen in Landes- und Bundesarbeitsgemeinschaften ab und bearbeiten in aufwändigen Prozessen wichtige Positionen.

Die Schnelllebigkeit der Zeit bewirkt gleichzeitig, das macht uns die Politik vor, dass politische Entscheidungsprozesse mittlerweile auch auf anderen Kanälen zustande kommen.

Die amerikanischen Wahlkämpfe belegen das mit guten und schlechten Beispielen wie Wahlkämpfe überhaupt. Aber nicht nur das. Auch Koalitionsverhandlungen und Gesetzgebungsverfahren finden mittlerweile im Internet statt.

Beispiel Kinder- und Jugendhilfereform.

Im Jahr 2016 stand eine große Reform des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (Sozialgesetzbuch VIII) auf der politischen Agenda, die sogenannte „große Lösung“, die darauf abzielte, dass Kinder und Jugendliche mit körperlicher und geistiger Behinderung in das Sozialgesetzbuch VIII aufgenommen werden. Endlich eine Gleichbehandlung aller Kinder und Jugendlicher! Dafür waren wir auch als Verbände der Freien Wohlfahrtspflege. Aber nicht zu den Rahmenbedingungen, die damals politisch gewollt waren.

Das Gesetzgebungsverfahren rollte interessanterweise auch gar nicht im klassischen Sinne an, heißt, es gab keinen „Referentenentwurf“, der dann wie immer, den Interessenverbänden hätte vorgelegt werden müssen. Es gab ein Diskussionspapier. Hört sich unverfänglich an. Manche Vertreter/innen von Wohlfahrtsverbänden verweisen daher darauf, dass sie warten würden, bis der Referentenentwurf da wäre.

Zu befürchten war, dass das Gesetz in einem Eilverfahren durchgesetzt würde, damit es noch in der aktuellen Legislaturperiode als Ergebnis gewertet würde. Solche Schnellschüsse vergleichbar der Arbeitsmarktreform im Jahr 2002, die unmittelbar vor Weihnachten am 23.12. durch den Bundestag eilte und im Nachgang erhebliche Mängel zeigte, sollten vermieden werden.

Daher hatte sich im Netz eine Gruppe gefunden, die sich zügig zu den SGB VIII Reformen ausgetauscht hatte – ich hatte u.a. über die Knackpunkte des Vorhabens gebloggt – und wir haben mit darauf hin gewirkt, dass noch vor dem möglichen Referentenentwurf eine Einladung an die Interessenverbände ins Ministerium erfolgte und das Gesetz in der Tragweite, die befürchtet wurde, verhinderte.

Ein aktuelles Beispiel ist das Bundesteilhabegesetz:

Lobbyarbeit 4.0.

Wie sieht sie denn dann nun aus, die Lobbyarbeit 4.0? Sind die alten Gremien vollständig out? Nein, sind sie nicht. Sie sind neben einer Reihe anderer Maßnahmen wertvolle Instrumente.

Aber die Meinungsbildung hat sich verändert. Auch in der klassischen Verbandsarbeit finden und fanden, genau wie in jeder Politik, Seitengespräche statt, die Meinungsbildungen befördern. Diese Meinungsbildungsprozesse finden mittlerweile auch im Internet statt und es ist hier sehr viel schneller möglich, sich mit Entscheidungsträgern zu vernetzen. Ganz unkompliziert diskutieren hier Expert/innen aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft miteinander und fördern damit auch Prozesse.

Arbeiten 4.0.

Mobiles Arbeiten verlangt andere Abstimmungsformen. Eine neue Zeitsouveränität ist gefragt. Für Führungskräfte ist in Bezug auf Ihre Mitarbeitende die Stärkung von Netzwerk- und Dialogkompetenz und Ermutigung statt Kontrolle angesagt.

Quelle: Telekom

Twitter.

Nicht nur der amerikanische Wahlkampf auch die deutschen Politiker/innen wissen mittlerweile um die Bedeutung von Twitter, wenn es um Kommunikation, Austausch von Papieren aus Koalitionsverhandlungen und Meinungsbildung geht. Aber nicht nur die Politik – unterm Strich tummeln sich die deutschen Intellektuellen aus Politik, Gesellschaft und Wissenschaft in diesem Netzwerk, weil es in Bezug auf Themen, Wissensmanagement und Kommunikation deutlich bessere Voraussetzungen als andere Netzwerke bietet und damit auch gerne für die Pressearbeit und den Fernsehjounrnalismus genutzt wird. Häufig heißt es ja in den Nachrichten mittlerweile: XY hat getwittert.., Facebookposts werden dagegen eher in Promimagazinen gezeigt.

Da ich selbst eine Weile gebraucht habe, das Netzwerk zu ergründen, habe ich meine Erfahrungen in einer Anleitung für Twitter aufgeschrieben.

Wissensmanagement.

Während wir gefühlt gerade unser Ablagesystem in Papierform in unsere EDV-Ablage umorganisieren, ohne dabei wesentliche innovative Strukturen zu entwickeln, erfordert Lobbyarbeit 4.0 ganz neue Wege des Wissensmangagement.

Ich organisiere meine Dateien mittlerweile hauptsächlich über E-Mails und Clouds. Das geht nicht in allen Arbeitsbereichen. Aber je mobiler wir werden, umso notwendiger ist es.

So sehr ich die Tageszeitung aus Papier immer noch liebe, benutze ich sie nicht mehr, weil ihre Information weit hinter den Aktualitäten her hinkt. Ich organisiere Onlineartikel über einen RSS Reader, aus denen heraus ich auch sofort twittern kann. Und Twitter selbst ist eine wesentliche Informationsquelle. Besonders die Hashtags bieten gute Sortierungsmöglichkeiten und neue Quellen und Expert/innen, denen ich folge.

Vernetzung & Kommunikation.

Was eigentlich genau bedeutet Vernetzung? Vernetzung ist so alt wie die Verbandsarbeit selbst und noch viel älter. Freundschaften, Seilschaften und Interessengruppen gab es schon immer. Von daher gilt das auch für digitale Netzwerke.

Ungewohnt für unsere deutsche Mentalität ist der öffentliche Diskurs. Hier ist gute Kommunikation und ein Stück Medienkompetenz erforderlich. Als Kompetenzprofil der Verbandsarbeit zukünftig nicht mehr weg zu denken.

Die digitale und analoge Vernetzung greift ineinander. Das digital soziale Netzwerk ist mittlerweile eine Art Adrema. Begegnungen und Kontakte mit denen ich auch über Netzwerke beständig in Verbindung sein kann, sind mental eher präsent als andere.

Agile Organisation.

Befasst man sich mit den Megatrends einer zukünftigen Organisationskultur, so gibt es Szenarien, die von der Peer-to-Peer Arbeit statt Hierarchiearbeit bis hin zu Auflösungen von Organisationsstrukturen denken. Klar ist, dass sich die Organisationsstruktur der neuen Arbeitskultur anpassen muss. Für eine gelingende Lobbyarbeit 4.0 bedeutet das eine Qualifizierung der Informations- und Kommunikationsarbeit quer durch die Organisation.

Unterm Strich.

Menschen, die sich überwiegend ausserhalb der digitalen sozialen Netzwerke bewegen, verpassen die Chance einer modernen digital sozialen Lobbyarbeit, die nicht nur den Vorteil hat, wirkungsvoll Meinungsbildungsprozesse mitgestalten zu können, sondern auch den damit einhergehenden Modernisierungsbedarf für ihre Organisationen zu erkennen.

Lobbyarbeit 4.0 bedeutet einen Kulturbruch mit der bisherigen klassischen Verbändearbeit und einen Paradigmenwechsel für die Zukunft der Arbeit von Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege.

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Veröffentlicht in Bücher

Literarischer Jahresrückblick 2017 (3)

Während draußen mal wieder ein Schneesturm durch das Ruhrtal wirbelt, denke ich an den goldenen September zurück.

In dem Monat bin ich feierlich in mein Amt eingeführt worden. Das war schon ein besonderer Tag. Irgendwie bestand das Jahr aus einer Reihe festlicher Tage: der Wahl im März, dem ersten Arbeitstag im Juli und dann diesem feierlichen Akt der Amtseinführung. Ich war teilweise so mit der Arbeit beschäftigt, dass ich darüber gar nicht so viel nachgedacht habe.

Aber dann war der Tag plötzlich da. Wow, das war schon sehr schön. Und ich fand es toll, dass sich so viele Zeit genommen haben, dabei zu sein.

Und noch viel schöner war, dass sich viele im Haus zusammen getan haben, um diesen Tag so festlich wie möglich zu gestalten.

#wahlheimatruhr

(Septemberbücher)

Von daher war es nicht so, dass es viele Mußestunden gegeben hat, in denen ich genüsslich hätte lesen können. Aber ich habe ganz viel Lesestoff über das Ruhrgebiet geschenkt bekommen, die Literaturhinweise möchte ich Euch nicht vorenthalten:

  • RuhrKompakt: Der Ruhrgebiet-Erlebnisführer (Die Erlebnislandschaft Ruhrgebiet mit allen Daten und Fakten) – 1200 Ziele für Entdecker … (von Nöllenheidt/Kirfel)
  • Glücksorte im Ruhrgebiet – Fahr hin und werd glücklich (Wellmann/Weimer)
  • Wandern am Wasser – 35 genussvolle Wanderungen im Ruhrgebiet (Uli Auffermann)
  • 111 Orte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss. (Fabian Pasalk)
  • Starke Frauen im Revier (Anita Brockmann, Sabine Durdel-Hoffmann)
  • Altena in alten Ansichten (Liesel Mickoleit/Heinz Hermes) – Anm.: Das ist wichtig, weil der märkische Sauerlandkreis auch zu unserem Bistum gehört.

Martin Luther und Katharina von Bora

(Christian Nürnberger/Petra Gerster – Oktoberbuch

Nach Umzug, Arbeitsplatzwechsel, Neuanfängen und vor allem viel Arbeit und vielen Terminen habe ich mir Ende Oktober ein paar Tage Zeit für einen Rückzug in die Eifel genommen, um neue Kraft zu tanken.

Dabei fiel mir passend zum 500. Jahrestag der Reformation das Buch von Petra Gerster und ihrem Mann in die Hände.

Mein Beitrag hier „Was Martin Luther uns für das Zeitalter des digitalen Wandel lehrt“ nimmt Bezug zum Buch.

Meine Quintessenz ist so zusammen gefasst.

Was uns die Epoche Martin Luthers lehrt:

  • Wie unmerklich klein die großen Dinge begonnen haben.
  • Die Welt, die im Wandel ist, ahnt häufig selbst nicht, dass eine neue Zeit anbricht.
  • Reformer sind selten die Selbsternannten, sondern die, die sich mit aller Kraft für Themen eingesetzt, sich darauf konzentriert und damit letztlich etwas bewegt haben.
  • Es braucht Zweifler, die plötzlich die Regeln in Frage stellen und etwas Neues ausprobieren.
  • Er war ein mittelalterlicher Blogger, denn sein Leitsatz war: „Durch Schreiben kann man etwas bewegen.“
  • Wenn man die Menschen erreichen will, muss man ihre Sprache sprechen.
  • Der Buchdruck war damals, was heute die Online-Kommunikation ist. Ein Beschleuniger des Wortes und ein wesentlicher Zugang zu freier und einfacher Bildung.
  • Bildung besteht aus Bildern. Neue Bilder formen den Geist um. Der umgebildete Geist bildet neue gesellschaftliche Strukturen.
  • Aus einem ängstlichen eher schüchternen Menschen kann ein Starker werden, wenn die Berufung stimmt.
  • Rückzüge, Natur und Stillezeiten (Offline-Zeiten) fördern Fortschritt, Kreativität und Qualität.
  • Verkrustete Strukturen verhindern eher, während neue, offene, noch formbare Lernstätten innovatives Denken und Arbeiten fördern.

 

Muscheln in meiner Hand

(Anne Morrow Lindbergh – Novemberbuch)

Eigentlich sollte man keinen Satz anfangen mit dem den Worten „…war die Ehefrau von…“, aber er wurde bekannter und erklärt das eine oder das andere: Anne Morrow Lindbergh war die Ehefrau von Charles Lindbergh, genau – dem Charles Lindbergh.

Sie war Kopilotin und ebenfalls Flugpionierin, außerdem Schriftstellerin und sie hat dieses wunderbare Büchlein „Muscheln in meiner Hand“ geschrieben. „Büchlein“ ist dabei nicht despektierlich gemeint, sondern im Gegenteil: Es bietet auf seinen 120 Seiten so viel Tiefe  und Philosophie, dass ich es immer mal wieder gerne zur Hand nehme wie eben in diesem November auch.

Der Brecher auf dem Strand, der Wind in den Pinien, der träge Flügelschlag der Reiher über den Dünen lassen uns das hektische Pulsieren der Städte und Vorstädte, der Fahrpläne und Terminkalender vergessen.

Im Englischen heißt der Titel „Gift from the sea“. Anne Morrow Lindbergh, die mit Familie und Kindern ein turbulentes Leben hat, schreibt über eine Auszeit am Meer, bei der sie sich ganz auf sich besinnt und zu einer einfachen Lebensweise zurück findet.

Die Frage lautet vielmehr: wie bewahre ich meiner Seele inmitten des Getriebes die Ruhe, wie gebe ich ihr Nahrung?

Um diese Frage dreht sich der Aufenthalt Lindberghs am Meer. Die Antwort ist einfach.

Geduld, Geduld, Geduld lehrt uns das Meer. Geduld und Glauben. Leer, offen und passiv wie der Strand sollten wir daliegen – das Geschenk des Meeres erwartend.

Advent and Christmas

(Henri J.M. Nouwen / Dezemberbuch)

Das Buch nehme ich in der Advents- und Weihnachtszeit gerne in die Hand.

Es bietet täglich Texte, Gebete und kleine „Advent Actions“.

Henri J. M. Nouwen´s Texte finde ich beindruckend, weil sie von seiner Lebensweise zeugen. Er gab seine Karriere als Hochschulprofessor auf und entschloss sich zu einem gemeinsamen Leben mit behinderten Menschen. Weitere Werke sind hier zu finden.

Es lässt sich als Tag für Tag Buch und Begleitung durch den Advent lesen oder manchmal ist es vielleicht auch so, dass man an einzelnen Textstellen hängenbleibt, die einen dann durch den Advent begleiten.

So wird es in einer Advent Action am 4. Tag auch vorgeschlagen:

Find a scriptual Motto .. Hold these words in your heart each day.

Das Büchlein gibt es meines Wissens nach nur in Englisch.

Insgesamt habe ich in diesem Jahr viel spirituell-theologisches gelesen. Es ist mir so begegnet. Es sollte dann wohl so sein.

„Wenn Du Gott zum Lachen bringen willst, dann mache einen Plan.“ Ich glaube nach den Erfahrungen mit meinen Bücherlisten in den vergangenen Jahren verzichte ich jetzt mal darauf, einen Plan zu machen.

Mal sehen, was mir im nächsten Jahr dann so begegnet. Es liegen noch eine Reihe ungelesener Bücher auf dem Stapel.

Aber nun kommt ihr jetzt erstmal gut in das neue Jahr 2018!

Wir lesen uns 🙂

 

Falls Du es verpasst hast, hier geht es zum:

Literarischen Jahresrückblick (Teil 1)