Veröffentlicht in Tagebuch

Über MeisterTask, CariEhre und unsere coolen Sekretärinnen.

Gähn.

Was für eine langweilige Methode habe ich damals nur eingeführt. Damals vor gut anderthalb Jahren als meine Arbeit in Essen begann.

Ich bat am Ende der Leitungs- und Hauskonferenz um ein Feedback, das aus einem Wort bestand.

Anfangs war das noch ganz witzig. Aber ich spürte, dass es sich bald erschöpfte.

Wie unsere Sekretärinnen den Laden von der Basis aufräumen.

Das war vergangenen Montag ganz anders. Unsere Sekretärinnen hatten an einer gemeinsamen Fortbildung mit anderen Sekretärinnen im Bistum teilgenommen und brachten von dort etwas Neues mit.

Abgesehen, dass sie uns belehrten, dass die klassische Sekretärin ausgedient hat und neben neuen Berufsbildern zukünftig auch Roboter namens Sofia und Goofie unsere Kollegen sein werden, erzählten sie von diesem virtuellen Feedback.

Es funktioniert mit der Methode Menti. Die Jugendarbeit kennt es wohl schon länger, aber für Sitzungen ist es auch ganz hervorragend geeignet.

Sie erzählten mit Begeisterung vom papierlosen Büro und belächelten sogar ein wenig, dass ich mir manches noch ausdrucken liesse. Und jetzt üben wir Wiedervorlage in der Cloud.

Was mich aber besonders ansprach: Unsere Führungskräfte probierten die neue Feedbackmethode gleich in der Leitungskonferenz aus und ihr Feedback ist ziemlich motivierend. Meine Stichwörter sind da eher hölzern im Gesamt der Wolke.

Wie moderne Beiräte heute arbeiten … #CariEhre

Wir haben einen kleinen Fonds, der innovative Projekte fördert. Unser Aufsichtsgremium, der Caritasrat, befindet über die Anträge. Empfehlungen spricht ein Beirat aus, der ehrenamtlich tätig ist.

Dafür haben wir bekannte Menschen aus der Bloggerszene Annette MertensHendrik Epe, Benedikt Geyer, Hannes Jähnert, Thomas Michl, Thomas Mampel angesprochen und sie haben sich sehr schnell dazu bereit erklärt, mitzumachen, weil sie am Thema Innovation und Weiterentwicklung der sozialen Arbeit interessiert sind. 

Wir haben uns 1x analog in Essen getroffen. Am Vorabend der eigentlichen Arbeitseinheit bewiesen die Beiräte bereits ihre Kreativität, in dem sie einen Namen kreierten, der das ganze Potential des Vorhabens in sich trägt und auch viel Raum für Phantasie lässt: CariEhre.

Uns war allen nicht klar wie wir die Arbeit organisieren sollten und das Treffen diente dazu, das heraus zu finden.

Völlig selbstorganisiert benutzen die Beiratsmitglieder Methoden wie Scrum und Kanban und innerhalb weniger Stunden waren die meisten To do´s erledigt und ein virtuelles Miteinander verabredet.

Der erste Antrag war ein Probelauf. Via Messenger Threema wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet. In einem Hang out kam der Beirat via Videokonferenz zusammen. Die Teilaufgaben wurden via MeisterTask abgearbeitet (App).

Das Ergebnis ist hervorragend.

Grüne Wiese.

Wenn wir unsere Geschäftsstelle auf der grünen Wiese neu aufstellen würden, wie sähe diese dann aus? Diese Methode haben wir benutzt, um unsere Meilensteine, Projekte und Arbeitsgruppen zu definieren.

Ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich nicht neu aufstellen muss, denn ich würde die Erfahrung und das Know How vieler erfahrener Leute nicht missen wollen. Aber wir müssen auch die Youngster fragen. Was wollen sie? Was fehlt ihnen? Wie sind wir ein cooler Arbeitgeber?

Wir haben in der Geschäftsstelle und im Verband noch das eine oder andere an Arbeit zu tun, um gut aufgestellt zu sein.

Die große Kunst wird darin bestehen, die Arbeitsbelastung zu senken und damit Mitarbeiter/innenzufriedenheit und eben auch Mitgliederzufriedenheit zu erhöhen.

Aktuell haben wir viel zu wenig Leute, um all die Aufgaben tun zu können, die die Satzung von uns verlangt. Was also tun? Zusammen mit unseren Mitgliedern haben wir ein Portfolio verabredet, auf dessen Basis wir nun Stellenprofile beschreiben werden, damit der/ die Einzelne weiß, was seine/ihre Aufgabe ist und was auch nicht.

Wir haben konkrete Massnahmen der Personal- und Organisationsentwicklung vereinbart, die in diesem Jahr konsequent umzusetzen sind. Gleichzeitig werden wir querarbeiten. Wir haben jetzt das virtuelle Netzwerk Workplace eingerichtet. Es ist datenschutzkonform und erlaubt eine schnelle virtuelle Vernetzung innerhalb der Geschäftsstelle und mit Externen.

Danke für’s Mitgehen!

Es ist nicht immer einfach, eine Chefin zu haben, die bloggt und twittert. Denn die wählt dann auch schon mal komische Überschriften wie man das in diesen Medien halt so macht.

Ich bin sehr dankbar, dass unsere Leute sich mehr oder weniger daran gewöhnt haben und wissen, dass nicht alles, was ich schreibe auch sofort umgesetzt wird. Aber es dient zur Inspiration. Nach innen und nach außen.

Noch besser ist, dass die Innovation von innen kommt. Zur Kultur wird. Freude macht. Begeistert und gegenseitig inspiriert.

Und ich muss allmählich aufpassen, dass ich nicht zur Langeweilerin werde.

 

 

 

 

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Stuhlkreis war gestern. #NewWelfare

Im Raum sind ein paar wenige Tische kreuz und quer gestellt. Darum herum wurden wie zufällig ein paar Stühle gruppiert. Die Mondrian Quadrate unterhalb der hohen Fenster strahlen, weil sie endlich mal gesehen werden. Der Glaskubus, mit dem die Fenster den Raum umschließen, schafft Transparenz zwischen draußen und drinnen. Fast scheint man in den Ästen des Baumes zu sitzen.

Der Kirchturm des Doms ist hautnah.

Es ist mir als wenn der Raum neu geschaffen wäre, dabei kenne ich ihn seit Jahren. Aber durch das neue Setting eröffnet er völlig neue Perspektiven und es fällt mir wie Schuppen von den Augen:

Das ist sie, die neue Zeit!

New Welfare, keine Angst vor Anglizismen, die Internetsprache ist voll davon und häufig trifft es der englische Begriff besser als der Deutsche.

New Welfare heißt: die Wohlfahrtspflege erfindet sich gerade neu.

Und während ich durch die sozialdigitale Woche stolpere, scheint es mir, als würde das System gar neu geboren.

E-Mail ist out.

Der Internet-Speaker Norbert Barnikel hält den Teilnehmer/innen unseres Workshops für Entscheider/innen in Kirche und Caritas einen Spiegel vor Augen, der einem zeigt, in welcher Zeit man/frau technologisch stehen geblieben ist. 2005, 2013, 2015, 2020, 2025 … Ich musste feststellen, ich bin bei Weitem nicht meiner Zeit voraus. Und die Organisationen der Wohlfahrtspflege schon gar nicht.

Hierarchien und Abteilungsstrukturen sind out. High Performance Teams sind in.

Die E-Mail im internen Schriftverkehr ist out. Apps wie MeisterTask oder Threema sind in.

Leistung und Gehalt nach Zeit zu bemessen ist out. Leistung nach Produktivität zu messen ist in.

Die Nichtteilnahme an sozialen Netzwerken ist out. Das Leben ist social.

Stuhlkreis war gestern.

In dieser Woche arbeite ich erstmals mit den Methoden Scrum und Kanban. Gelbe Zettel werden an das Fenster geklebt und geclustert. Danach werden Themen priorisiert und in einem kurzen Zeitfenster bearbeitet. Auf dem Flipchart steht:

Thema – Wie – Erledigt.

Es gibt keinen echten Moderator. Vielleicht einen, der auf die Zeit achtet. Und eine/r, der die Methodik im Auge behält. Es ist eine Freude zu sehen, welche hochgradige Produktivität, Kreativität und Innovationsfähigkeit dadurch entsteht.

Im Expert/innenteam der Delegiertenversammlung haben wir Zukunftszenarien für die Familien-, Behinderten- und Altenhilfe entwickelt. Und für das Ehrenamt. Die Kunst ist, konsequent vom Nutzer/ von der Nutzerin her zu denken.

Welches Tool will ich im Jahr 2030 als Ehrenamtliche benutzen, um ein Ehrenamt zu finden.

Stuhlkreis war gestern. Meetings finden auch im Stehen statt.

Lerngemeinschaften sind in.

Niemand hat die Weisheit mit Löffeln gefressen. Viele verhalten sich aber noch so. Gemeinsam im Diskurs neue Erkenntnisse gewinnen. Wissen teilen. Shared Economy.

Stakeholder sind out. Fans, Follower, Freunde und User sind in. Wer nicht im Netz aktiv ist, wird nicht gesehen oder gefunden.

Das Netz ist die alte Adressenkartei. Ich gebe einen Namen ein und bin im Kontakt. Man verbindet sich zu Themen.

Umso wichtiger ist es, die im Blick zu halten, die keine Zugänge haben.

„Ich“ ist out. „Wir“ ist in.

Croudthinking entlastet unglaublich. Es ist eine Lerngemeinschaft. Jede/r erfährt etwas Neues. Warum bist Du da? Ist eine der Fragen. Warum bist Du heute hier? Was begeistert Dich? Was willst du lernen? Was glaubst Du beitragen zu können. Jede/r hat einen Mehrwert. Spannend auch als wir über die Kriterien für Innovation sprechen: eines soll sein, es darf scheitern! Fehlerkultur. Trotz aller Anstrengung wurden die Ziele nicht erreicht. Und die Frage ist warum. Und was können andere davon lernen.

Hashtags sind in.

New Welfare findet in der Bewegung statt. Meine BloggerCommunity, die jetzt neu unser Innovationsbeirat ist, trifft sich am Abend und geht durch Essen zum Essen. Auf dem Weg brainstormen die Fünf hashtags für unser Vorhaben. Auf die Liste kommt, was sie sehen.

Später landen wir im Hayati, einem von Flüchtlingen betriebenen Restaurant im Grillo-Theater. Die Launch hat schon ziemlichen LabCharakter.

Auf dem Nachhauseweg steht der hashtag: #CariEhre.

Fünf Menschen haben ohne mein Zutun einen hashtag gefunden, der treffender nicht ausdrücken könnte, was die soziale Arbeit der Caritas ausmacht.

Cariehre, CariEhre …

New Welfare ist social.

Das ist die neue Wohlfahrt. Sie hält sich nicht mehr an Verbandsgrenzen, sondern arbeitet wegen der gemeinsamen Sache begeistert zusammen und kollaboriert ganz selbstverständlich mit Start ups und Social Entrepreneurs.

Und nicht nur das. Es endet nicht dort. Sondern es greift in die Kunst-, Kultur- und Theaterszene. Wenn man sich an den Blogger/innen orientieren würde, dann ist alles denkbar und alles kann sich gegenseitig inspirieren.

Umso wichtiger ist es, die eigene Identität zu kennen. Den Kern. Den Ausgangspunkt.

 

Mehr zum Thema:

Es gibt keine Zufälle: Der deutsche Caritasverband präsentiert just an dem Tag, an dem das Expert/innenteam in unserem DigitalLabor im Haus der Caritas in Essen in Zukunftsszenarien denkt, die neue Jahreskampagne:

sozialbrauchtdigital.de

Wohlfahrtsverbände und neuer Start up Sektor wollen neue Lösungen entwickeln

Wir starten in Essen unser LAB:

DigitalExperte startet InnovationsLabor

und ich leiste hiermit einen

Beitrag zur Blogparade Soziale Innovation des Deutschen Roten Kreuzes.

… und noch etwas Nostalgie.

Und dann fühle ich historische Momente. 2012 habe ich angefangen zu bloggen. Ungefähr seit dem kenne ich Thomas Mampel und Hendrik Epe. Thomas hat uns beide inspiriert und wir uns dann nachher gegenseitig. Hendrik habe ich das erste Mal 2014 analog getroffen. Thomas das erste Mal vorgestern (!!). Trotzdem sind wir mit anderen wie Hannes Jähnert, Benededikt Geyer, Thomas Michl und Christian Müller über die Jahre eine Community geworden, die im Austausch ist und bloggend die soziale Arbeit weiter entwickelt. Als wir uns die letzten zwei Tage zu einem Austausch trafen, lag ein phantastischer Spirit in der Luft, der dieser Woche einen Punkt setzte.

 

 

Veröffentlicht in Geld

Wir müssen reden. Über Geld.

Das macht man doch nicht!

Schon in der Überschrift über Geld zu sprechen.

Sie sollte sich schämen.

Um es klar zu sagen: Nein, ich schäme mich nicht.

Warum nicht?

Weil hier in dieser liebenswerten Region jedes 2. Kind in einer armen Familie lebt.

Da brauchen wir Deine Hilfe!

Denn Kinder aus armen Familien …

  • sind weniger gebildet.
  • sind seltener im Sportverein, bei Kulturangeboten, in der Jugendgruppe.
  • haben weniger Freunde.
  • sind weniger gesund.
  • schätzen ihre Zukunft schlechter ein!

Deswegen brauchen wir Geld.

Und Du kannst dabei helfen.

Was genau kannst Du tun?

Werde Stifter/in!

Unsere Caritas-Stiftung hat schon eine Reihe wichtiger Projekte in der Vergangenheit gefördert. Aber das Stiftungsvermögen reicht bei weitem nicht aus. Daher sind wir auf der Suche nach neuen Zustiftern.

Ruf mich an: Caritas-Stiftung im Bistum Essen 

Mache eine Online – Spende!

Du kannst bei uns ganz bequem online spenden. Damit Du sicher sein kannst, dass Dein Geld auch dem Zweck zugute kommt, für den Du spenden willst, kannst Du den Zweck angeben.

Für 50 Euro versorgst Du einen Obdachlosen mit einem Winterpaket oder ein Kind mit Lernmitteln für die Schule.

Du kannst auch regelmässig jeden Monat spenden oder zu Deinem Geburtstag für die Caritas im Ruhrbistum Geld sammeln.

Spende online: gleich jetzt und hier

Schenke uns Deine Zeit!

Zeit ist Geld. Wir suchen Leute, die uns bei Spendenaktionen helfen. Dafür musst Du nicht in unserer Region leben. Wir freuen uns auch über Engagement in unseren Online-Projekten!

Schreibe uns an info@caritas-essen.de

Erzähle von uns!

Teile diesen Beitrag! Wenn Du Menschen kennst, die gerne etwas Gutes tun wollen, dann erzähle von uns. Folge uns auf Facebook , Twitter und Instagram und erlebe live wie wir Menschen helfen!

Schon jetzt ganz herzlichen Dank für Deine Unterstützung!

Deine

Sabine Depew

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht in Gelesen

Lese-Glücksmomente.

Da fehlt doch noch was?

Habt ihr sie schon vermisst?

Ja, genau!

Meine Bücherliste 2018!

Lesen war schön im letzten Jahr.

Ich erinnere mich gerne an die Orte, an denen ich gelesen habe.

Am Meer mit einer kleinen Ostseebrise um die Nase,

in den Bergen,

in der tiefen Eifel,

im Bett, im Liegestuhl, im Ohrensessel, vergnügt, gespannt, entspannt, erschreckt, verstört, versponnen, versonnen, vergnügt, verliebt, bedacht, verlacht … und welche Gefühle Bücher sonst noch so auslösen können.

Bücher sind etwas Feines!

Allein der Einband, der Geruch, das kleine Bändchen, das über die Seite fällt, die ersten Seiten, die letzten Seiten und überhaupt!

Aber nun genug der Schwärmerei!

Hier ist meine Bücherliste 2018.

Transit (Anna Seghers, 1944)

Erst ist es das gestrandete Boot,

das mit dem Buch gepostet wird,

das mich anspricht.

Urlaub.

Transit.

Verreisen.

Dann der Perspektivwechsel.

Die Erschütterung.

Die Not, die ein leeres Boot am Ufer des Mittelmeers bedeuten kann.

Der zeitaktuelle Roman „Transit“ handelt von Menschen auf der Flucht. In Marseille versammeln sich 1940 die von den Nazis Verfolgten. Sie hetzen nach Visa, Bescheinigungen und Stempeln, um nach Übersee ins rettende Exil zu entkommen. Im Roman kreuzen sich die Wege von Menschen, die ähnliche Schicksale teilen.

All diese alten, schönen Städte wimmelten von verwilderten Menschen. Doch es war eine andere von Verwilderung als ich geträumt hatte. Eine Art Stadtbann beherrschte diese Städte, eine Art mittelalterliches Stadtrecht, jede ein anderes. Eine unermüdliche Schar von Beamten war Tag und Nacht unterwegs wie Hundefänger, um verdächtige Menschen aus den durchziehenden Haufen herauszulangen, sie in Stadtgefängnisse einzusperren, woraus sie dann in Lager verschleppt wurden, sofern das Lösegeld nicht zur Stelle war oder ein fuchsschlauer Rechtsgelehrter, der bisweilen seinen unmäßigen Lohn für die Befreiung mit dem Hundefänger selbst teilte. Daher gebärdeten sich die Menschen, zumal die ausländischen, um ihre Pässe und ihre Papiere wie Seelenheil.

 

Die Freiheit, frei zu sein (Hannah Arendt, 1967)

Die Tatsache, dass das Wort Revolution ursprünglich Restauration bedeutete, ist mehr als nur eine semantische Kuriosität. (Hannah Arendt)

In dem Essay philosophiert Hannah Arendt über den Begriff Freiheit und was sie für den Einzelnen bedeutet. Sie fragt danach, ob es es um die Abwesenheit von Angst und Zwängen geht oder darum, sich an gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen, die eigene Stimme zu erheben? Und sie fragt: Haben wir diese Freiheit einfach oder wer gibt sie uns? Und kann man sie uns auch wieder weg nehmen?

Kein Vorhaben ist schwieriger in der Ausführung, unsicherer hinsichtlich seines Erfolges und gefährlicher bei seiner Verwirklichung, als eine neue Ordnung einzuführen.

Heisser Sommer (Uwe Timm, 1974)

„In Heisser Sommer geht es um die Unruhen der 68er Jahre, die Tendenzen zur Radikalisierung, die Notwendigkeit zum Aufbrechen der alten autoritären (Universitäts-) Strukturen und dem kleinbürgerlichen Mief.“, schreibe ich am 13. August in mein Tagebuch, während ich aus dem Strandkorb heraus dem Kreischen der Möwe lausche und die kühle Ostseebrise genieße.

Auch dieser Sommer 2018 war geprägt von einer wochen-, ja monatelangen trockenen Dürre- und Hitzewelle. Das Laub an den Bäumen verdörrt sehenden Auges. Große Stücke von Baumrinde brechen von den Stämmen. Und was die politischen Verwirrungen und Verdörrungen betrifft erst recht.

Ediths Tagebuch  (Patricia Highsmith, 1977) 

Edith notiert in ihrem Tagebuch Tagträume, eine Wunschwelt. Die im Tagebuch notierten Erlebnisse haben mit der Realität immer weniger zu tun. Je unerträglicher ihre reale Welt wird, umso phantasiereicher wird die Erlebniswelt in ihrem Tagebuch. Sie kompensiert damit ein Leben, dessen Schicksalsschlägen sie mit Gleichmut und freundlichem Lächeln zusieht.

Erst am Ende spricht sie ihre Meinung aus, was dann als Krankheitswahn bezeichnet wird:

Alle macht ihr schlechte Politik – Ausflüchte, Lügenmärchen, bloß nicht die einfache, nackte Wahrheit.

 

Seid laut! (Burkhard Hose, 2018)

„Für ein politisch engagiertes Christentum“ lautet der Untertitel.

Der Blick die Geschichte lehrt, dass Schweigen und sich Heraus-Halten mindestens genauso verheerende politische Folgen haben können wie ein Sich-Einmischen.

Wenn ich auf das Jahr 2018 zurück schaue, dann zähle ich den Abend als wir in Essen als Kirchen und Sozialverbände auf die Straße gegangen sind, unsere „Sach wat“ Fahne hoch gehalten haben zu eines der Highlights 2018. Es ist immer schwierig, etwas Besonderes heraus zu greifen, weil es so viele wichtige und gute Ereignisse in einem Jahr gibt und gerade die Scheinwerfer oft auch verblenden können vor dem, was an alltäglicher Kleinarbeit viel wichtiger ist. Mehr dazu findet ihr auch hier im Blog in Kinder, Küche, Kirche.

Man kann nicht Suppe an Arme ausschenken, ohne irgendwann die Frage zu stellen, warum die Armen eigentlich arm sind. (Burkhard Hose)

Wir Kirchen müssen politisch sein, das macht er in seinem Buch mehr als klar. Es gibt dafür tausend Gründe und viele gute Beispiele wie etwa die friedliche Revolution zum Ende des DDR-Regimes.

Ob wir wirklich ein christlich geprägtes Land sind, würde sich daran zeigen, dass die Solidarität mit den Schwachen als leitendes Prinzip im gesellschaftlichen Zusammenleben erkennbar ist und nicht an den Grenzen eines Nationalstaates aufhört.  (Burkhard Hose)

„Es ist Zeit, das Christentum nicht länger mit Konservativsein oder Bravsein zu übersetzen, sondern mit Erneuerung und Umdenken. Es ist Zeit, den prophetischen Auftrag Jesu ernst zu nehmen, Partei zu ergreifen und lauf zu werden, wo Menschen in ihrer Würde verletzt werden.“

Die beiden Bücher mit den Ausrufungszeichen (Seid laut! und Steht auf!) sind in Zeiten, in denen in Kirche (hoffentlich!) so viel im Umbruch ist, wohltuende Bücher für die Seele, weil sie sich auf das Evangelium berufen.

Ist Jesus ein Linker? lautet die Überschrift eines seiner Kapitel. Ist jemand, der das Evangelium ernst nimmt und sich als Anwalt der Schwachen versteht ein Linker? Sind Menschen, gerade die junge Generation, die sich für die Aufnahme Geflüchteter einsetzt Linksextreme? Oder geht es um eine Generation, die für sich erkannt hat, dass die Aufnahme Geflüchteter nicht Wohltätigkeit, sondern Solidarität verlangt. Ist Menschlichkeit und Empathie nicht einfach eine Aufgabe der Nächstenliebe?

Die Überschrift über Kapitel 5 lautet gar „Welcome to the revolution“.

Ich wünsche mir so sehr, dass sich diese neue Generation ihre „revolutionäre“ Haltung bewahrt, … , aus der tatsächlich ein neuer Politikstil entstehen kann. Aber woher wird diese Revolution ihre positive Kraft beziehen? Es braucht Menschen und Orte, es braucht Quellen, aus denen sich die Energie gewinnen lässt, die nötig sind, um nicht bei sich selbst stehen zu bleiben.

schreibt Burkhard Hose in diesem Kapitel. Es wird unsere Aufgabe sein, den Rahmen zu schaffen, um das Neue werden zu lassen. Neue Orte zu gestalten, Freiheit zu gewähren, Quellen zur Verfügung zu stellen oder selbst zu sein.

Jenny Marx (Angelika Limmroth, 2018)

Linke, Revolutionäre – diese Zuschreibungen gelten für Karl Marx, Friedrich Engels und seine Frau mehr als für viele andere. Der rote Kopf im Garten des Karl Marx Hauses in Trier ist dafür leuchtendes Beispiel. Und dabei geht es nach Hannah Arendt bei Revolution doch „nur“ um Restauration.

Die Lektüre des Lebens der Familie Marx fand ich mehr als faszinierend. Unfassbar wieviel Kraft, Engagement, Leidenschaft es bedeutet haben muss, die großen Ideen zu fördern und voran zu treiben.

Im Leben der Jenny Marx, Ehefrau von Karl Marx, sind Sprache und Schreiben der Schlüssel der Reform und Revolution. Der Aufstand auf der Straße gelingt nicht, da die Deutschen „Kulturpatrioten“ sind. Die Revolution von 1848 hat nicht die gewünschten politischen Verhältnisse gebracht also wurde geschrieben (!).

Jenny und Karl griffen beim Schreiben auf ein globales Netzwerk zurück. Sie schrieben regelmässig zahlreiche Briefe an zig Verbündete und schufen somit einen weitreichenden Verbund zur Förderung ihrer Ideen.

Wer wir sein könnten (Robert Habeck, 2018)

Im Oktober habe ich während der LitRuhr einer Diskussion zwischen Thea Dorn und Robert Habeck beigewohnt.

Was mich beeindruckt hat, war die Nachdenklichkeit mit der diskutiert wurde. Es gab nicht vorgefertigte Politikersprüche, sondern überlegte und während der Diskussion entwickelte Gedanken. Zuhören, mit einander reden, beteiligen könnte ein neuer Politikstil werden, den unsere Gesellschaft angesichts der rasanten und radikalen Veränderungen dringend brauchen wird. Es braucht eine gedankliche Verlangsamung. Wir müssen uns Zeit zum Nachdenken nehmen.

Zu dieser Nachdenklichkeit lädt auch das Buch ein.

Sprache schafft die Welt.

In diesem ersten Satz steckt die ganze Philosophie der Gedanken, die Habeck in der Folge entwickelt. Und lädt dazu ein, über die eigene Verwendung von Sprache nachzudenken und der Verrohung entgegen zu wirken.

Steht auf! (Johannes Eckert, 2018)

„Die Frauen im Markusevangelium waren für ihre Mitmenschen eine echte Provokation: Sie ergriffen selbstbewusst das Wort, korrigierten ihren Meister und vertrauten und glaubten bedingungslos. Und dennoch: Ihre Namen sind nicht überliefert. Das bewegt Abt Johannes Eckert zu einer biblische Spurensuche. Das Evangelium liest er als Ouvertüre zu unserem Leben, dem eigentlichen Ort der Frohen Botschaft. So entdeckt er provozierende Botschaften für uns als Gläubige und für die katholische Kirche. Abt Johannes Eckert schreckt dabei auch nicht vor den heißen Eisen Kirchensteuer, Zölibat und Kardinalat der Frauen zurück.“ (Herder)

Fazit

Bücher, die in mein Leben eingreifen, an denen mein Leben weiterschiebt, so dass ich sie alle paar Jahre zur Hand nehmen muss, um zu sehen, was inzwischen mit mir und mit ihnen passiert. (Christa Wolf über das Buch „Transit“)

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Sätze & Schätze, die mir im letzten Jahr auch wieder Anregungen und Lektüretipps gegeben haben.

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Grosse Fußstapfen … so ein Quatsch!

Vor ein paar Jahren sagte mal jemand zu mir:

„ Sie treten in große Fußstapfen.“

Ich halte dieses Gerede über große Fußstapfen, mit Verlaub gesagt, für Quatsch. Denn jeder prägt seine Arbeit auf seine Weise. Es wird Menschen geben, die das großartig finden und welche, die es kritisieren.

Der Termin ist mitten rein gepurzelt.

Eine junge Frau möchte mit mir ein Interview für ihre Masterarbeit führen. Es geht um Erwerbsbiographien, Karrieren und den Begriff der Elite.

Ich soll einfach mal los plaudern.

Über die Kindheit, die Eltern, meinen Lebensweg.

Die Kunst, den eigenen (Führungs-)Stil zu finden.

Ich plaudere los und erinnere mich mit Erstaunen, dass ich mindestens über die ersten zehn Jahre meines Lebens sagen kann, dass ich ein sehr schüchternes, eher ängstliches, Kind gewesen bin. Das hatte ich schon beinahe vergessen.

Später war ich dann Klassen- und Schülersprecherin, ein Hinweis, dass ich Lust hatte, Führungsaufgaben zu übernehmen.

Aber auch mit 28 Jahren bei meinem Eintritt in die Caritas, hatte ich sehr viel Respekt vor der Institution, der Kirche, dem Umfeld.

Wohin es gehen sollte, wusste ich damals absolut nicht.

Und es war auch nicht wichtig.

Dann in den Folgejahren die Erfahrung: die Organisation braucht Leute wie mich, die quer denken, anders sind, das Establishment in Frage stellen.

So haben wir uns gegenseitig geprägt.

Ich kam damals für drei Jahre und blieb fast ein Vierteljahrhundert.

Die junge Frau fragt „Welche Charaktereigenschaften haben Sie?“

und „Welche Menschen haben Sie geprägt?“

Ist laut und gerne lachen eine Charaktereigenschaft? Manche wird es wahrscheinlich eher irritieren oder schockieren.

Irgendjemand hat über mich gesagt: „Ich mag Menschen.“ Ja, stimmt. Nicht alle. Aber fast.

Weitere Eigenschaften: Gestaltungsfreudig. Neugierig. Zukunftsorientiert.

Mich haben eine Hand voll Menschen geprägt und tun es bis heute. Menschen, die ich respektiere, weil sie authentisch ihre Überzeugung zum Ausdruck bringen, weil ich ihren Führungsstil großartig finde. Weil sie Herz haben und Menschlichkeit ausstrahlen. Dazu gehörten und gehören Frauen und Männer.

Wir lernen etwas zu tun, indem wir es tun.

John Holt, Pädagoge

Die erste Figur, die mich zutiefst und bis heute beeindruckt, war Pippi Langstrumpf. Dieses freche unabhängige Wesen, der ein Spaß mehr wert war als Disziplin und Ordnung. Auch, wenn ich glaube, dass ich eher eine Mischung aus Anika, ihrer Freundin, und Pippi Langstrumpf bin, hat sie die Entwicklung meines (Führungs-) Stils sehr gefördert.

Manchmal ermahne ich mich selbst ein bisschen: „Nun werde mal die Respektsperson, die Deinem Amt entspricht.“ Aber es hält meistens nicht lange an. Und allmählich scheine ich auch in der Zeit angekommen zu sein, wo dieser eher unübliche (Führungs-) Stil zeitgemäß geworden ist.

Die Interviewerin kommt mit dem Begriff Elite. Ob ich mich in meiner Position zur Elite zählen würde. Wow! So ein Begriff ist in der Caritas unüblich.

Eher ein Unwort.

Aber was ist Elite? Was bedeutet Elite für mich? Als ich über den Begriff nachdenke, kommt mir etwas ganz Altmodisches in den Sinn, was vielleicht zu dem Vorhergeschriebenen im Kontrast zu stehen scheint.

Elite bedeutet für mich: Gutes Benehmen.

Ein Mensch, der eine hohe Postion hat, hat eine besondere Verantwortung. Er ist ein Vorbild. Sein Verhalten hat Wirkung. Er sollte fair, höflich und achtsam im Umgang mit anderen sein.

Arbeiten ist, Kunstwerke zu schaffen.

Für mich war und ist meine Arbeit ein Kunstwerk. Ich knete, gestalte, werke und wirke und versuche das Bestmögliche aus dem heraus zu holen, das mir zur Verfügung steht.

Wie kann das sein? wird vielleicht mancher jetzt denken. Es geht doch um Geld, um Ressourcen, um Sicherheit und eben um all diese lauter ernsthaften Dinge.

Ja, geht es.

Und es geht um Zukunft. Und alle Komponenten gilt es qualifiziert zu verbinden. Es braucht Ideen, Leidenschaften und Kooperationen. Viele denken heute, wir könnten immer so weiter machen wie früher.

Aber die Zeiten sind vorbei.

Wir müssen etwas Neues schaffen. Und wie ein Künstler gibt es vielleicht eine Vision oder ein Bild wie das Neue aussehen kann, aber der Weg dorthin scheint noch unklar. Daher probieren wir eine Weile das Alte, das Bewährte. Aber das ist nicht die Lösung.

Wir müssen den Mut zum Neuen haben.

Wir müssen und dürfen Neues schaffen.

Jeder macht seine eigenen Fußstapfen und das ist gut so.

Auf das Gerede mit den großen Fußstapfen

habe ich damals geantwortet:

„Meine Nachfolger/innen auch.“

Meine Nachfolger/innen treten auch in große Fußstapfen, denn ich habe etwas Eigenes geschaffen, das meinem Stil entspricht. So wie andere das nach mir auch wieder tun und getan haben.

Denn irgendwann erschöpft sich auch der Stil des Besten/der Besten und dann braucht es einen anderen, einen neuen, Stil. Dann, wenn sich das Alte im Kreis dreht. Das habe ich bisher selten in meinem Leben gespürt, weil es in der jeweiligen Aufgabe immer viel zu tun gab. Aber mindestens 1x kam es vor, dass ich eine Aufgabe beendet habe und zwar ohne etwas Neues anzufangen.

Weil es einfach zu Ende war.

Ich konnte dieser Aufgabe keinen fruchtbaren Impuls mehr geben.

Die junge Frau erzählt mir am Schluss, dass sie selbst noch auf der Suche ist. Wieviel Beruf verkraftet eine Familie? Wie soll das Leben organisiert werden, wenn es doch so viele Möglichkeiten bereit hält?

Sie wird eigene Fußstapfen hinterlassen.

Und dann wird vielleicht eines Tages jemand zu ihr sagen: „Du hinterlässt große Fußstapfen …“

Aber das ist eigentlich Unsinn.

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